Leseprobe: Das andere Ende von John Shirley

Für Mickey

Mein besonderer Dank geht an Mrs. Shirley und Paula Guran für ihre hilfreichen Anmerkungen, und an Jim Baldwin für die wichtigen Informationen.

Wichtige Anmerkung des Autors

(Zumindest meint der Autor, sie sei wichtig)

Ein paar Autoren haben gemeinsam eine Reihe Bestsellerromane über den Tag des Jüngsten Gerichts aus dem Blickwinkel der ultrakonservativen, dominierenden ›Endzeit‹-Christen verfasst. Sie beschreiben eine missinterpretierte Version aus der Offenbarung des Johannes, die darauf beruht, dass die Menschen zu keiner Übereinstimmung gekommen sind bei den sogenannten Inhalten des Pfades der rechten Hand, die durch die Strafe Gottes zurückgelassen und anschließend in den Fluss des Feuers geworfen werden sollten. (Besagte Co-Autoren verfassten das Buch zynisch, seit sie wussten, dass alles nur Unsinn war.)

Ich könnte mir vorstellen, dass der Vermieter des Objektes, das wir Erde nennen, zwecks einer Begutachtung zurückkommen wird. Dann würde er sofort erkennen, wie wir es behandelt haben und wie viele Mieter anderen gegenüber bevorzugt werden. Daraufhin wird er, oder sie oder etwas über die Geschlechter hinaus, sich eine Zwangsräumung und Neuerschaffung herbeisehnen. Jedoch kann die Mythologie, die in einem so begrenzten Stauwasser gekocht wurde, unmöglich als Entwurf für einen Tag des Jüngsten Gerichts dienen. Daher sind alternative Endzeit-Erzählungen gefragt, zumindest im Interesse des Gleichgewichts, und weil wir auf den Beginn eines Paradigmenwechsels hoffen müssen. Der vorliegende Roman beschreibt einen etwas anderen Tag des Jüngsten Gerichts. Der Leser sei gewarnt. Dieser Roman beinhaltet eine klar definierte Sichtweise. Er ist nicht apologetisch voreingenommen. Romane über christliche Apokalypsen sind auf dem Vormarsch, allerdings entspringt dieser einem anderen Ende des philosophischen Spektrums. Er wurde für Leute geschrieben, die sich lieber ein anderes, ein gerechteres Ende wünschen. Damit stehe ich mit Sicherheit nicht allein da. Eine Zeit lang dachte ich kurz über folgenden Untertitel für diesen Roman nach: Ein wehmütiger Traum. Möglicherweise ist er mehr als das. Vielleicht ist er auch eine Art längst überfälliger, existenzieller Protest. Es fühlt sich an, als wäre die Zeit reif dafür.

Apropos Zeit, Das andere Ende beginnt in ein, zwei oder drei Jahren von dem Moment an, in dem Sie mit dem Lesen beginnen. Egal wann und warum Sie in einer Bibliothek auf dieses Buch stoßen, sobald Sie damit fertig sind, werden Sie im darauffolgenden Jahr erleben, dass Retro große Mode wird. Beachten Sie auch, dass es sich bei dem Präsidenten in dieser Geschichte nicht um den amtierenden Präsidenten handelt. Es handelt sich um den zukünftigen Präsidenten, einem Neokonservativen, der möglicherweise dem Ergebnis einer manipulierten Abstimmung geschuldet ist, wie wir sie im Jahr 2000 in Florida hatten.

Die Handlung spielt sich im Rahmen eines Jahres ab. Ein Jahr ist nicht lang, allerdings verändern sich die Dinge rasch. Kleine Erfindungen verbreiten sich, große sind angekündigt, neues Vokabular entsteht. Doch in der Regel sind die wichtigen Dinge von heute die gleichen wie damals …

PHASE EINS

Epidemie der Justiz

»Wenn ich die Macht über das Jüngste Gericht hätte …«

– Robert Johnson

1

Aus dem ›Avant Science‹-Report, 10. April:

Radioastronomen berichten im Online-Fachjournal Interferometry Studies von der Entdeckung außergewöhnlicher, quasarähnlicher Radioimpulsserien unterschiedlicher Quellen. Normalerweise entstehen Quasarsignale in fernen Galaxien.

Hammond Terrence, Professor der Astronomie an der University of Calgary, und sein Kollege H. Mahwjee, Professor der Astrophysik, gaben dazu Folgendes bekannt: »Bei diesen Radiosignaturen handelt es sich in gewisser Weise mehr um Pulsare als um Quasare, da deren Energiemenge der eines Quasars sehr nahe kommt.«

Terrence teilte in einem Statement mit: »Es erweckt den Anschein, als würden sie uns schneller erreichen, als sie es sollten. Wir führen dies auf einen Rechenfehler unserer Messdaten zurück. Wir baten andere Astronomen um Bestätigung und alternative Berechnungen. Da es einige Hinweise auf geladene Teilchen gibt, die direktional mit diesen Impulsen reisen und genau auf dieses Sonnensystem zielen, halten wir es für angebracht, einige signifikante astronomische Ressourcen auf diese Quellen zu richten. Das Zentrum unserer Galaxie, um ein Beispiel zu nennen, ist eine der stärkeren Quellen.«

Auf die Frage per E-Mail, was er mit ›zielen‹ meine, antwortete Terrence, er sei sich sicher, dass es sich dabei nur um eine Begleiterscheinung handle. Allerdings war diese Erscheinung so deutlich für ihn, dass er den Begriff ‚zielen‘ ziemlich passend fand. Terrence wollte nicht näher darauf eingehen.

Ein anderer Forscher der University of Calgary, er zieht es vor anonym zu bleiben, behauptet, dass die Quellen, von denen man anfangs dachte, dass sie aus dem Zentrum der Galaxie stammen, eigentlich aus allen Richtungen kommen und sich viel schneller bewegen, als man es je hätte vorausberechnen können. »Alles entspringt tausenden Quellen im Universum, symmetrisch voneinander getrennt. Es vermittelt den Eindruck, als übermittle das Universum selbst diese Signale. Wir müssen davon ausgehen, dass die abgelesenen Werte auf eine gewaltige und unverständliche Panne unserer Geräte zurückzuführen sind.«

***

Von hoch oben aus der Luft ist ein Trailerpark zu sehen, der einem Schaltkreis unter einem Mikroskop gleicht; aus größerer Entfernung, etwa 45.000 Kilometern, ein Planet, unsere Welt mit ihrer dünnen Schicht aus Fels und Erde, grob von Organismen und Flächen mit Salzwasser umrandet, und alles umgibt eine große Kugel aus geschmolzener Lava um einen Nickel-Eisen-Kern. Aus der Hülle dieser Kugel ragen Felsen aus dem Meer, um Regionen, Kontinente genannt, zu bilden. Diese sind mit einer Biosphäre bedeckt, die Kolonien anthropoider Organismen beheimaten. Die besagten Kolonien werden mittels Autobahnen, atmosphärischen Fahrgeräten, bekannt als Flugzeuge, und durch Kabel verbunden. Solche Kolonien werden lokal als Stadt bezeichnet.

Wenn der Blick auf den Trailerpark zurückschweift, ist dies nur der Bruchteil einer vergänglichen Darstellung einer Stadt.

Noch weiter entfernt, aus der vierten Dimension, ist der Lauf der Zeit einer Stadt zu erkennen, wandelnd und kollabierend. Unter der aufgewühlten Verdichtung atmosphärischer Luftfeuchtigkeit erheben sich Formen und fallen wieder; während sich unter der Stadt tektonische Platten zu verschieben und zu wölben beginnen.

Die fünfte Dimension, die die ersten vier Dimensionen beinhaltet, macht das Bewusstsein selbst sichtbar: Millionen flackernder Intelligenzen als Farbspektrum. Manche von ihnen sind hart und dunkel. Dies sind die Farben des Leids.

***

West Fresno, Kalifornien

»Hey, Reynardo, wie läuft’s?«, fragte Swift, während er eine Packung Newport-Zigaretten mit Schokoladenaroma herausholte. Er rauchte nicht, aber er wusste, dass der Junge aromatisierte Glimmstängel bevorzugte, weshalb er so tat, als würde er rauchen.

Der Teenager blickte von einem Plastikschemel vor der Tür eines alten Econoline hoch und schielte der untergehenden Sonne entgegen, die durch die Trailerreihen schien. Der Kopf des Jungen, eines spindeldürren, asiatischen Latino-Mischlings, dessen Haut weder zu dunkel noch zu kaukasisch aussah, war kahlgeschoren und tätowiert. Seine Polyesterjacke mit dem Oakland-Raiders-Logo hatte ihren Glanz verloren. Darunter trug er ein Football-Trikot, bedruckt mit der Nummer Acht, eine zu weite Militärhose und Dunkmasters von Nike. Die Schuhe wirkten zu groß an ihm. Wenn man damit aus dem Geschäft rennen muss, bleibt eben keine Zeit, um sie anzuprobieren.

Der Junge beschattete seine Augen, sein Blick war auf die Zigaretten gerichtet. Swift war selbst Vater eines Teenagers und fühlte sich ein wenig schuldig diese Karte, Reynardos Laster zu füttern, auszuspielen. Was soll’s? Mitgefangen, mitgehangen. Der Teenie könnte ihm behilflich sein und er dem Jungen vielleicht auch mal.

»Verdammte Hitze für Anfang Mai, nicht wahr, Reynardo?«

»Was willst du?« Sein Blick wich von der Packung ab.

Er achtete darauf, nicht zu freundlich zu Swift zu sein: dem großen weißen Typen mittleren Alters.

Swift hatte sandfarbene Haare, blaue Augen und wirkte immer irgendwie unnachgiebig, eher wie ein Kopfgeldjäger als ein Reporter der Sacramento Bee. Er hatte die Zigarettenschachtel bereits geöffnet, als hätte er bereits eine Zigarette geraucht. Swift klopfte eine heraus und zog sie mit den Lippen aus der Schachtel, bevor er sie mit dem Feuerzeug, das seitlich steckte, entflammte. Er paffte den Rauch aus, denn hätte er ihn richtig inhaliert, hätte er husten müssen. Den Schokoladenaromarauch blies er in Reynardos Richtung, als würde er es nicht bemerken. »Darf ich mich setzen, Mann? Bin die gesamte West Fresno entlang, Bruder. Muss mich mal setzen.«

»Setz dich, Kumpel, schert mich einen Dreck«, antwortete Reynardo sorglos.

Swift setzte sich auf die knarzenden Stufen neben den Jungen. Er war ein großer, voluminöser Mann und daher auch sehr sperrig. Während er durch die Trailerreihen sah, hielt er dem Teenie die Zigaretten hin. Reynardo griff danach, zog sich fachmännisch eine heraus, steckte sie sich an und reichte die Packung mit einer so anmutigen Bewegung zurück, als agierte er nach dem Taktstock eines Dirigenten.

»Was suchst du hier in West Frez?«, fragte Reynardo, während er den Rauchwirbeln vor der sinkenden Sonne zuschaute. »Wie ich hörte, warst du auf der Avenue.«

Sie kannten sich flüchtig, da Swift kurzzeitig mit West Fresnos Sozialprojekten zu tun gehabt hatte, bei dem Reynardos ältere Schwester Terese involviert gewesen war. Bei dem Projekt hatte ein Cop sie sexuell belästigt. Damals brachte er den Jungen dazu, ihm zu vertrauen, was etwas gedauert hatte.

»Ist alles wieder klar hier, wie ich gehört habe«, sagte Swift. Dabei deutete er mit seinem Daumen hinter sich in den Trailerpark. »Hinter dem Maschendrahtzaun. Die Trailer sind wieder da.«

Reynardos Gesichtsausdruck verzog sich, wie es Swift erwartet hatte. Einem Reporter zu sagen, was sich in diesen Trailern befinden könnte, glich petzen. Bereits zweimal waren ihm in ›West Frez‹ die Graffitisprüche PETZEN – JUNG STERBEN, MF aufgefallen.

»Sie sagen, der Cambodes, der etwas über diese Scheiße ausplaudert, wird schneller umgelegt, als er schauen kann«, erklärte Reynardo. »Wieso kommst du mit diesem Bullshit ausgerechnet zu mir?«

»Schon okay«, versuchte Swift ihn zu beruhigen. »Mir ist zu Ohren gekommen, dass einige Kids in diesen Trailern umgekommen sind. Eine ziemliche Scheiße, denkst du nicht, Rey?«

»Ich denke gar nichts. Selbst wenn du hier mit einer ganzen Lkw-Ladung beschissener Zigaretten antanzen oder mir Geld bieten würdest, wirst du nichts aus mir herausbekommen.«

»Du willst mir also einreden, dass du mir keinerlei Infos gibst, selbst wenn ich dir Zigaretten und Geld dafür bieten würde? Welche Art von Taktik soll das sein?«, schalt Swift ihn und versuchte ihm ein Lächeln zu entlocken.

Der Junge sah weg, um sein Lächeln zu verbergen. Dann zuckte er mit den Schultern. Beide wussten, dass er Swift damit alles gesagt hatte.

Cambodes sind waren Handlanger der Cambodian Gang, spezialisiert auf krumme Schmuggelgeschäfte mit Immigranten. Irgendetwas verbargen sie hier …

»Ich habe zwar keine Wagenladung bei mir, aber einen Franklin«, sagte Swift. In seiner Brieftasche befand sich ein 100-Dollar-Schein und das bereits seit sechs Monaten.

»Scheiß ich drauf«, antwortete Reynardo. Er lehnte sich zurück und blies dabei den Rauch in den Himmel.

Swift schüttelte den Kopf. »Nun, wenn du mir nichts verraten willst, dann musst du das auch nicht.« Er legte die Zigarettenschachtel auf die Treppe, klopfte dem Jun-

gen auf dessen hagere Schulter, erhob sich und verschwand zwischen den Trailern, als wäre er sich nicht sicher, wohin er wollte.

Swift wollte kurz Augen und Ohren offenhalten und anschließend über den Zaun im hinteren Bereich klettern. Sein Handy klingelte mit Ode an die Freude, was ihn wieder mal daran erinnerte, den Klingelton zu ändern, denn für ihn klang er irgendwie zu sarkastisch. Er griff in seinen Lederblazer. Die Nummer auf dem Display war ihm bekannt, sie gehörte Ed Galivant. Eds Anruf war etwas, für das er nur wenig Zeit hatte. Der Mann schrieb Artikel für die Fortean Times und einige Onlinemagazine, die sich mit paranormalen Dingen beschäftigten. Swift mochte Ed Galivant, obwohl er die Forschungsarbeiten des Mannes keineswegs ernst nahm. Während er das Handy zuklappte und dabei war es wegzustecken, ertönte es erneut, als wollte es ihm Vorwürfe für das Nichtantworten machen. Grunzend las er Galivants SMS:

Jim, Paraphänomen in unserem Hinterhof, ruf zurück,
zu groß für FT. ED G.

Swift zuckte mit den Schultern. Dann steckte er das Handy ein. Seine Gedanken drehten sich um Bier, während er durch den Trailerpark wanderte. Vorzugsweise dunkles Bier. Dieser Übeltäter, neben Schweinefleisch süßsauer, machte sich langsam in Form eines ordentlichen Fettbauchs bemerkbar. Das Nächste, was ihm in den Sinn kam, war seine Tochter Erin. Diesen Namen hatte sie von ihrer Mutter Linda bekommen, als sie ihre ›Göttinnen-Verehrungs‹Phase durchmachte, vor der Wiedergeburtssache. Er fragte sich, was Linda diese Woche Erin wohl über ihn erzählen würde. Jede brachte neue Beleidigungen mit sich. Woche für Woche waren es neue Verleumdungen. Es war ihm immer noch nicht gelungen herauszufinden, ob er dieses Wochenende seine Tochter zu sehen bekam oder nicht. Theoretisch war das Besuchsrecht gerichtlich besiegelt, dennoch gab es immer Ausreden: Erin muss morgen früh da sein, da sie einen Schulausflug hat. Erin fühlt sich nicht wohl, ich muss sichergehen, dass sie früh ins Bett kommt. Erin muss sich auf ihre Hausaufgaben und auf den bevorstehenden Test konzentrieren und ich helfe ihr dabei. Jim, verstehst du das denn nicht?

Ich weiß nur, dass ein junges Mädchen ihren Vater braucht.

Er brauchte dringend ein paar Bier, er musste über Linda nachdenken. Ein Anchor Steam könnte ihm dabei dienlich sein. Selbst ein Michelob oder ein Red Stripe wäre hilfreich.

Als er eine weitere Reihe Econolines umschwirrte, nickte er einer behäbigen weißen Dame in Hausfrauenkleidung und mit Lockenwicklern in den Haaren zu. Sie sah ihn triefäugig an, während sie Unterwäsche in Segeltuchgröße von der Wäscheleine nahm.

Aus einem weiteren Trailer drang das Gequatsche einer Talkshow. Er bog ab und schritt über einen grasbewachsenen Vorgarten. Die Besitzer murrten, als sie ihn dabei sahen, obwohl der Rasen kaum größer als eine Hundescheißwiese war.

Swift bog in einen Schotterweg zwischen zwei Trailern ein. Autolärm dröhnte hinter einem ungepflegten Feld. Sein Blick fing ein paar weiße Jungs ein, die bei einem leeren Anhänger mit einem Plastikkugelgewehr auf eine zerzauste, rostfarbene Katze schossen. Diese suchte unter dem weißen Trailer Unterschlupf. Eine Kugel im Hinterkopf wäre zwar nicht tödlich, allerdings schmerzhaft.

Sie beschlossen, ihn nicht unter Beschuss zu nehmen. Ab und an verwechselten ihn die Leute mit einem Zivilcop.

In seinem Nacken fing es an zu kribbeln, kaum erreichte er das Ende des Weges. Hinter dem Maschendrahtzaun standen Trailer. Einige davon waren leer, sie befanden sich etwas abseits der anderen. Nach weiteren 50 Schritten blieb er im Schatten eines Magnolienbaums nahe des Zauns stehen. Magnolienbäume wuchsen im tiefen Süden, jedoch hatten die Menschen sie nach Kalifornien eingeschleppt, so wie sie alles hierher geschleppt hatten, ob absichtlich oder nicht. Manche waren illegale Einwanderer, nicht selten halb verhungert. Sie wurden in Containern hergebracht, nicht unähnlich der damaligen Sklaven aus Afrika, die in hölzernen Schiffen hergeschippert wurden. Statt sie zu öffentlichen Versteigerungen zu bringen, wurden sie in Laderäume von Trucks verfrachtet und an Orte wie Fresno gefahren.

Sind sie da drinnen? In den sechs mittelgroßen Trailern auf der anderen Seite des Zauns? Sind deswegen die Fensterläden zugezogen?

Die Zauntür war mit einem Vorhängeschloss versperrt. Er entdeckte keine Mülleimer, kein Anzeichen von Leben. Der Verwalter des Trailerparks bestand darauf, dass diese Trailer leer blieben. Sie standen hier, da sie verkauft werden sollten. Doch Swift konnte die Menschen darin fast fühlen. Der nächste Trailer ruhte etwa 50 Schritte hinter dem Zaun. Eine Weile blickte er sich um und konnte dabei weder Wachen noch irgendwelche Regungen hinter den verklebten Fenstern ausmachen. Kurz lauschte er, da er sich einbildete, ein Geräusch aus dem Trailer vernommen zu haben. Schwer zu sagen, was es gewesen war, da er sich nahe der Autobahn befand und das Röhren der Trucks alles andere übertönte.

War das ein Baby?

Sollten sich Menschen in diesen Trailern befinden, waren sie eingesperrt. Vermutlich gefesselt. Sie warteten darauf, irgendwohin gebracht zu werden. Die Männer würde man zur Arbeit einsetzen ohne jede Bezahlung, die Frauen für andere Dinge.

Was nun? Er plante nicht, sich selbst in Gefahr zu bringen. Er wollte nur ein Gespür für die hiesigen Gerüchte bekommen. Die Cambodes schmuggelten Immigranten hierher. Um sie zu ködern, versprach man ihnen vieles und was sie in Amerika zu erwarten hatten. Kaum waren sie hier, wurden sie zu Sklaven gemacht, und manchmal zu Leichen. Es gab Gerüchte, die besagten, dass hier ein, zwei Leute die Woche aufgrund der Zustände ums Leben kamen. Wenn es ihm gelingen würde, diese Gerüchte zu bestätigen, würde Beckwith vom Sacramento Police Department vielleicht seine Verbindungen bei der Homeland Security oder dem FBI kontaktieren, und die würden der Sache nachgehen. Im Gegenzug würde Beckwith ihm eine exklusive Story verschaffen. Doch ihn dazu zu bringen war nicht einfach. Es würde sich vermutlich so anhören: Also, du gehst einem Gerücht nach, weil du einige Trailer gesehen hast. Und?

Es brauchte schon etwas mehr. Vielleicht ein paar Fotos. Die Zeit drängte, die Cops mussten hierher kommen. Vermutlich lag gerade jemand im Sterben. Er musste handeln. Sein Blick schweifte herum. Er wollte über den Zaun und sich zu dem Feld hinter den Trailern begeben, wo nichts anderes war, als wucherndes Unkraut. Direkt dahinter stand die Betonmauer, die die Autobahn versteckte.

Auf dem besten Wege, sich eine Kugel im Arsch einzufangen, dachte er. Und zwar keine Plastikkugel.

An der oberen Seite des Zauns befand sich ein schlampig aufgewickelter Stacheldraht. Jedoch wirkte dieser nicht abschreckend genug, um willensstarke Personen abzuhalten. Swift erspähte ein altes, halb aufgeweichtes Stück Teppich, das vermutlich jemandem als Matratze gedient hatte. Er watete durch kniehohes Gras, schnappte sich ein Teppichende und zog das Stück mit. Während er ihn oben auf den Zaun mit der wolligen Seite nach unten hängte, versuchte er weder an Läuse noch an den Pissegeruch zu denken. Als er über den Zaun zu klettern versuchte, merkte er, dass dieser unter seinem Gewicht nachgab. »Komm schon, du fettes Stück Scheiße, schwing deinen Arsch da rüber.«

Letztendlich gelang es ihm, ein Bein auf die andere Seite zu hieven, dann zog er das andere nach. Seine Rückenmuskulatur protestierte, was ihn innerlich aufschreien ließ.

Später gibt’s eine Aspirin.

Oben am Zaun, mit herabhängenden Beinen, überlegte er, wie laut es wohl sein würde, sollte er unter seinem Gewicht nachgeben, denn es fühlte sich so an, und er war sich nicht sicher, wie er aufkommen sollte. Er befürchtete sich die Knöchel zu brechen. Kurz verängstigt wagte er keine weitere Bewegung.

Etwas schimmerte in der Nähe. Ein gelblicher Sonnenstrahl kräuselte sich in der Luft. Er änderte seinen Farbton in ein Sonnenuntergangsviolett. Dann wieder zu Gelb. Oh Scheiße, dachte er. Ich habe einen Schlaganfall.

Wenn so was eintritt, sieht man Lichter und Heiligenscheine.

Auf dem durchhängenden Zaun sitzend, wollte Swift die Quelle des Lichts ausfindig machen. Er wollte sichergehen, dass es sich um keine Einbildung handelte. Im Hof, bei zwei großen Trailern, trafen zwei riesige, vertikale, leuchtende Kegel zusammen und verursachten ein weiches, brummendes Geräusch. Einer von ihnen zeigte nach unten, der andere nach oben; ihre Spitzen berührten einander. Beide waren durchsichtig, etwa in der Größe eines anderthalb Meter großen Weihnachtsbaums, dennoch wirkten sie endlos breit. Sie verließen ihre Schnittpunkte auf dem Weg zum Himmel und zur Erde, um in unendlicher Weite zu verblassen. Es war unmöglich zu sagen, wie groß die Kegel waren. Ihre Symmetrien glichen denen von Sanduhren. Sie rotierten langsam in entgegengesetzter Richtung und schwebten nahe der Trailer in der Luft. Etwas schien darin zu pulsieren, was ein rosa-violettes Licht an der Stelle aussendete, wo sich die kegelförmigen Spitzen trafen.

Erstarrt verlor Swift den Halt und landete hart auf der anderen Seite des Maschendrahtzauns.

»Fuck!« Seine Beine schmerzten, aber er stellte fest, dass er unversehrt war. Er wandte sich um und blickte zu den leuchtenden Kegeln, aber sie waren verschwunden. Er fühlte sich weder schwach noch krank noch paralytisch, was Begleiterscheinungen waren, die er fühlen müsste, wenn er einen Schlaganfall erlitten hätte. Mögliche Nebenerscheinungen ungewöhnlicher Anstrengung, entschied er. Vermutlich eine Halluzination, eine Art Illusion.

Keuchend steuerte Swift über Kies und Unkraut auf den nächsten Trailer zu und drückte ein Ohr gegen die Aluminiumseitenwand, das andere hielt er zu. Er hörte eine Frau schluchzen. Dann fing er den klaren, dünnen Klang eines Kinderschreis und chinesische Stimmen auf, oder etwas, das nahe an Chinesisch herankam. Er fischte seine Digitalkamera aus der inneren Manteltasche, schaltete sie ein und machte ein Foto des Trailers. Dann ging er zum Fenster. Braunes Packpapier versperrte ihm die Sicht nach innen. Doch eine Ecke des Papiers hatte einen Knick, wenn auch nur einen kleinen, durch den er spähen konnte. Aus dem Winkel konnte er Menschen im Raum liegen sehen. Hätten sie sich nicht bewegt, wäre er der Annahme gewesen, sie wären tot.

Swift schob die Digitalkamera an die kleine Öffnung und machte weitere Aufnahmen, obwohl er sich nicht sicher war, was dabei herauskommen würde. Es blieb keine Zeit, dem genauer nachzugehen; er wollte so schnell wie möglich fort von hier.

Er lief zurück zum Zaun und erstarrte. Zwei kleine, asiatische Männer schritten auf ihn zu, einer davon umklammerte den Griff eines Baseballschlägers aus Aluminium. Beide hatten die Kapuzen ihrer Pullis über die Köpfe gezogen, ihre Handrücken waren tätowiert. Der ohne Baseballschläger trug eine blau getönte Brille.

Swift ließ die Kamera in seine äußere Manteltasche gleiten, was den beiden nicht entging.

»Da hast du aber einen schweren Fehler gemacht, Hurensohn«, sagte Blaubrille, in dessen Stimme ein leichter Akzent mitschwang, als er nach hinten griff.

Eine Waffe steckt in seinem Hosenbund, mutmaßte Swift. »Ich habe gehört, dass ihr Jungs hier Mädchen zu verkaufen habt«, sagte er selbstsicher lächelnd und hob seine Hand zu einer freundschaftlichen Geste. »Ich hätte gerne einige von ihnen gesehen«, sagte er in der Hoffnung, ihnen einen Kunden vorspielen zu können.

Sie kamen näher. Der kürzere der beiden wog den Baseballschläger in seiner Hand und grinste kopfschüttelnd.

Swift spielte seine letzte Karte aus. »Gut, ich bin Reporter und auf der Suche nach einer Story. Das ist mein Job. Falls mir irgendetwas zustößt, wird die Sacramento Bee die Cops nach mir schicken. Ich bin nicht irgendein Arschloch, das man einfach so verschwinden …«

Der Baseballschläger traf ihn am Bauch. Als er sich nach Luft ringend aufrappelte, packte ihn ein dritter Mann von hinten am Kragen, zerrte ihn zurück und er landete schmerzhaft auf seinem Hintern. Der Mann holte eine Pistole heraus, deren Lauf er kühl an seinem Ohr spürte.

Swift wusste, wie die Frez-Asiatengangs tickten. Sie ließen sich von der Sacramento Bee, die von einem Onlinemagazin zu einer Sonntagsdruckausgabe zusammengeschrumpft war, nicht einschüchtern. Sie würden jeden töten, der sich ihnen in den Weg stellte. Vielleicht sogar ein SWAT-Team, wenn es hier in gepanzerten Fahrzeugen ankäme, obwohl sie dabei draufgehen würden.

Swift schloss seine Augen und dachte: Hier wird es geschehen.

Ein eindringliches Licht schien durch seine Lider. Er stellte sich eine Kugel vor, die sich gerade durch seinen Schädel bohrte und schlussendlich Licht in Dunkelheit verwandelte. Als er aber seine Augen öffnete, bemerkte er, dass er unversehrt war. Durch ein seltsames Gefühl angetrieben, begab er sich locker auf seine Beine. Er sah sich um, der Schmerz in seiner Magengegend ließ langsam nach, und alles, was er sah, wirkte überdeutlich, als hätte er die ganze Zeit keine Brille getragen und diese jetzt bekommen. Er erkannte jegliche Strukturen der Erdoberfläche, jedes Körnchen, einen kaum erkennbaren, zertrampelten Vogelschädel und die unechte Holzmaserung der Trailerseite. Als er zum Maschendrahtzaun blickte, sah er die Muster der Drähte wie ein Stück aus deren Geschichte. Einige Schritte weiter stand eine Gruppe asiatischer Männer; einer hatte einen Baseballschläger, der andere eine blau getönte Brille und ein Dritter, etwas älterer, trug einen 08/15-Anzug und hielt eine Pistole in seiner Hand.

Für Swift stellte dieser Moment die Männer unglaublich präzise dar. Mit einem abtastenden Flackern blickte er in ihre Leben. Er sah sie als die Kinder vor sich, die sie einst gewesen waren, und er fing an, Mitleid für sie zu empfinden. Er sah ihre strenge Erziehung, ihr Dilemma, ihre Verwirrung, die sich in Gewalt verwandelte …

Dann sah er sie, wie und wo sie jetzt waren: an diesem Ort, bei den Trailern, dem Zaun, dem steinigen Boden. Alles hatte einen Gelbstich. Es war kein scheußliches Gelb, eher wie das einer frischen Rose. Plötzlich veränderte sich alles zu einem energetischen Violett; danach folgte ein Indigoblau, darauf ein glamouröses Smaragdgrün, dann ein lebendiges Gelb und so weiter. Sie befanden sich innerhalb dieser Farben, innerhalb eines Kegels wechselnder Farben. Swift bildete sich ein, einen schrillen Ton beim Wechsel der Farben wahrzunehmen, und als er aufblickte, bemerkte er, dass sich die Farben an einem Punkt sammelten, in einem weiteren Kegel, einem, der nach oben hin unendlich weit offen war. Erneut …

Mit einem Mal fingen die Kegel an sich zu drehen, der untere nach links, der darüber nach rechts. Sie rotierten immer schneller und schneller, zu schnell, um sie zu erkennen. Dabei erzeugten sie eine unsichtbare Ausstrahlung an ihren konvergierenden Punkten. Und auf einmal waren sie verschwunden. Ein süßlicher Geruch breitete sich zwischen den vier Männern aus, wie reine Luft, die über ein Wildblumenfeld weht. Die asiatischen Gangster stöhnten. Der jüngere der drei fing an zu heulen. Der älteste Cambode hob seine Waffe, schrie und richtete sie auf die beiden anderen. Der Typ mit dem Baseballschläger schlug auf ihn ein und die Pistole fiel zu Boden. Unbewaffnet stolperte der Mann im Anzug davon.

Obwohl Swift zuvor weggetreten war, fühlte er sich nun seltsam klar. Er begab sich zum vorderen Teil des Trailers und erblickte das geöffnete Tor. Der ältere Typ murmelte etwas im lokalen Mon-Khmer-Kambodschaner-Akzent, während er durchs Tor ging.

Swift dachte: Eigentlich sollte ich zusehen, dass ich mich verflucht noch mal verziehe.

Aber er begab sich zur Tür des Trailers und versuchte sie zu öffnen. Sie war abgeschlossen.

»Mach Platz«, befahl jemand hinter ihm. Er wandte sich um und erkannte Blaubrille mit Schlüsseln in der Hand.

Swift trat beiseite. Mit offenem Mund starrte er den Mann an, als dieser die Tür öffnete. Der Geruch, der dem Trailer entwich, zwang ihn einen Schritt zurückzutreten, und er brachte ihn dazu, den süßlichen Geruch davor zu vergessen, wie auch die Schärfe, in der er die drei kambodschanischen Gangster gesehen hatte.

»Mach Fotos, wenn du willst«, sagte Blaubrille stumpf. Dann ging er hinein, löste die Fesseln der Gefangenen und murmelte ihnen leise etwas zu.

Verwirrt durch den Sinneswandel holte Swift seine Kamera raus und machte ein paar Aufnahmen. Alle lagen gefesselt da, Seite an Seite. Manche hatten Wunden vom stetigen

Aneinanderreiben. In Reih und Glied wurden Hunderte in einen Trailer gesteckt. Auch Kinder waren darunter, manche von ihnen bereits tot.

Swift war erschüttert, er musste sich beinahe übergeben. Er würgte und keuchte, kam dann wieder zu Atem. Er richtete sich auf, holte sein Handy hervor und wählte den Notruf.

»Er hat bereits die 911 gewählt«, sagte der Typ mit dem Baseballschläger, der an der Seite des Trailers hervortrat. Er gab etwas Kryptisches von sich, vermutlich in Mon-Khmer. Swift wählte die Nummer dennoch und erklärte der Gegenstelle, dass zahlreiche Krankenwagen benötigt werden würden.

Die von Blaubrille befreiten Immigranten traten weinend und murmelnd ins Licht.

»Ich hab … hab schon …«, versuchte Swift ihnen zu erklären, dass Hilfe unterwegs war. Er konnte die Sirenen aus der Ferne hören. Ziemlich schnell für die örtlichen Cops.

»Warum habt ihr plötzlich …? Ich meine …« Swift war Reporter, er arbeitete mit Worten, aber gerade eben war es ihm nicht möglich, welche zu finden.

»Weil … ich habe es gesehen, Mann«, antwortete Blaubrille, als er vorm zweiten Trailer stehen blieb. »Ich sah mehr, als ich je gesehen habe. Man kann da nicht wegsehen. Ich sah und fühlte es, ich fühlte mich so wie sie. Kannst du es nicht fühlen? Meine Schwester war da drinnen. Sie starb vor drei Jahren in Los Angeles, begraben in Encino, aber sie war da drinnen. Meine Tante, die immer auf mich aufgepasst hatte, als ich ein Kind war, sie ist tot. Sie war auch da, mit all den anderen, die wir dorthin gebracht haben. Wir waren zusammen da, wir alle waren angekettet. Ich war da drinnen. Scheiße, ich weiß nicht, Bruder, ich …« Er schüttelte den Kopf und sagte nichts mehr, dann wandte er sich einfach ab und begann die Schlösser zu öffnen.

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