Keine Sonne in der großen Stadt

Keine Sonne in der großen Stadt

Jeremy C. Shipp

Übersetzt von Torsten Scheib

Adeline platziert sich direkt vor den heruntergelassenen Jalousien. Die Lichtstreifen zerschneiden ihren Körper in dünne Streifen. Sie trägt das Kleid, das ich ihr an meinem 35. Geburtstag gekauft habe. Ganz wie erwartet.

Ich lächle. »Wie kann ich Ihnen helfen, Adeline?«

»Komm drauf an, Mister Edge«, antwortet sie. »Was halten Sie von ehrenamtlicher Arbeit?«

»Ich kann es mir nicht leisten, nett zu sein.«

»Und wenn es für alte Freunde ist?«

»Sie sind kein alter Freund.«

Adeline lacht auf und streckt mir ihre Zigarette entgegen. »Aber Ihre Großzügigkeit geht doch ganz bestimmt so weit, dass ich Ihr Feuer mit Ihnen teilen kann.«

Ich halte das angezündete Streichholz vor ihre Visage. Mit nett hat das nicht das Geringste zu tun.

»Danke«, sagt sie, klemmt das Stäbchen zwischen die Lippen und nimmt einen giftigen Zug.

Diesmal muss sie nicht husten.

Fast danke ich ihr dafür.

Nach ein paar weiteren schädlichen Zügen zieht sie einen Umschlag aus ihrer Tasche. »Eintausend jetzt. Den Rest, wenn Sie den Job erledigt haben.«

Ich zähle das Geld. »Na schön. Und welcher traurige Bastard ist es diesmal?«

»Mein Ehemann.«

»Ich dachte, der wäre gefallen.«

»Dachte ich auch. Dachte jeder. Aber wie sich herausstellte, war er der Einzige, der den Bombenangriff überlebt hat. Ein hiesiger Farmer hat ihn danach aufgenommen und so lebte Marty, ohne es zu wissen, in den folgenden sechs Monaten beim Feind.«

»Posttraumatischer Gedächtnisverlust?«

»Genau. Bis seine Erinnerungen zurückgekehrt waren. Daraufhin hat er den Farmer und dessen Familie getötet und ist heimgekehrt.«

»Und wo liegt jetzt das Problem? Hat ihn der Krieg verändert?«

»Nein. Marty ist noch immer das gleiche Arschloch, das er auch schon vor dem Krieg gewesen war. Aber ich habe mich verändert. Ich bin nicht mehr die naive Landschönheit, die er einst geheiratet hat. Jetzt merke ich es, wenn ich betrogen werde. Es ist eine Sache, wenn sich ein Soldat tausende von Meilen von seiner Gattin entfernt Erleichterung bei ein paar unzivilisierten Huren verschafft. Aber nun ist er wieder hier. Und damit sollte ich ihm genügen.«

»Eigentlich sollten Sie zorniger klingen.«

»Tut mir leid.«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Fahren Sie einfach fort.«

Adeline nickt. »Und ich sollte ihm Frau genug sein.«

»Das sind Sie. Sie wären genug Frau für jeden Mann.«

»Machen Sie sich über mich lustig, Mister Edge?«

»Würde mir nicht im Traum einfallen.«

Adeline sieht aus, als wolle sie mir den Hals umdrehen. Dann lacht sie. »Also – was sagen Sie? Spielen Sie noch mal den Privatschnüffler für mich?«

»Sie brauchen mich doch gar nicht, Adeline. Es gelingt Ihnen auch so, Marty mit heruntergelassener Hose zu erwischen.«

»Stimmt, aber wenn der Zeitpunkt gekommen ist, brauche ich jemanden, der mich aufhält, ihn umzulegen.«

»Na schön.«

»Eins noch. Ich werde den Rest des Geldes erst in knapp drei Monaten auszahlen können.«

»Sagten Sie nicht, den Rest kriege ich, wenn der Job erledigt ist?«

Adeline beugt sich über den Tisch und präsentiert mir ihre hervorquellenden Auslagen. »Bitte Frank. Ich möchte dies nicht alleine durchstehen.«

Und vielleicht haben meine Freunde ja doch Recht. Vielleicht bin ich wirklich krank im Schädel und vielleicht genieße ich es ja tatsächlich, den Reizen einer Frau zu erliegen.

Aber völlig machtlos bin ich deshalb noch lange nicht.

Ein Fingerschnippen würde genügen – und sie würde mir wesentlich mehr präsentieren als ihren Ausschnitt. Und würde ich jetzt in die Schublade greifen und dann abdrücken, hätte sie sogar alles verloren.

Okay, dann bin ich halt verrückt.

Aber trotzdem bin ich noch ein Mensch.

Das Problem bei Observierungen besteht darin, dass es Adeline nicht ausstehen kann, einen längeren Zeitraum in beengten Räumen zubringen zu müssen. Und diese Beklemmung ist es auch, die letztlich die ganze Stimmung über den Haufen wirft. Heute Abend allerdings benimmt sie sich wie ein waschechter Profi.

Nicht ein einziges Mal hat sie stottern müssen.

»Schlechte Idee«, bemerke ich.

Adeline wischt sich den Schweiß von der Stirn. »Das sagen Sie nur, weil Sie nicht darauf gekommen sind.«

»Äußerlich mögt ihr euch gleichen wie ein Ei dem anderen. Aber sonst ähnelt Ihnen Berta in keiner Weise. Und Marty wird das merken.«

»Berta weiß, was sie macht. Falls Sie es schon vergessen haben – Sie ist eine professionelle Schauspielerin.«

»Darüber lässt sich streiten. Ich war schon mal bei einer ihrer Shows.«

»Ihr wird nichts passieren. Marty und ich reden eh nicht viel miteinander. Also hat Berta nur dort zu sitzen und hübsch auszusehen. Und darin waren die Frauen in meiner Familie schon immer gut.«

»Wie wahr.«

Adeline lächelt. »Ist das Ihre listige Art, einer Frau ein Kompliment zu machen, Mr. Edge?«

»Träumen Sie weiter, Schätzchen.«

»Werd ich.« Sie zieht meinen Ärmel zurück und schaut auf meine Uhr. »Marty sollte in Kürze zu einem seiner so genannten Geschäftsmeetings aufbrechen. Er fährt wie eine gesenkte Sau, also werden Sie wohl das eine oder andere Gesetz brechen müssen, wenn Sie Anschluss halten wollen.«

»Ich kenne mich aus.«

Plötzlich muss Adeline nach Luft schnappen. Dann fängt sie zu husten an. Schnappt wieder nach Luft.

»Adeline?«, frage ich.

»Nein!«, sagt sie und krallt mit beiden Händen nach meinem Gesicht.

Ich kneife ihr in den Arm.

Sie umarmt sich selbst und starrt mich an. »Ficken Sie sich, Frank. Ich habe alles gemacht, was Sie verlangt haben. Jede einzelne beschissene Sache.«

»Ich war das nicht«, sage ich. »Ich hab nicht mal die Fernbedienung mitgenommen.«

»Sie sind ein Arschloch. Ich wünschte – » Sie jappst ein weiteres Mal. Hört zu reden auf.

Ich prüfe ihren Puls.

Wahrscheinlich liegt es an der schockierenden Situation, dass meine Unnahbarkeit urplötzlich Risse bekommt und mir nach Heulen zumute ist.

»Adeline«, sage ich. Dann: »Maria.«

Ich starre ihren leblosen Körper an, bis die Eingangstür der Villa aufgestoßen wird. Eine dunkle Gestalt nähert sich meinem Wagen. Ich rolle das Wagenfenster runter.

»Das Essen ist fertig«, verkündet Maria und sieht mich verschmitzt an. Und wie jede gute Ehefrau ignoriert sie Adeline vollkommen.

»Alles klar«, sage ich. »Bin sofort da.«

»Soll ich auf dich warten?«

»Nicht nötig. Mach ruhig weiter.«

Wenn es darum geht, die eigenen Gefühle zu verbergen, dann ist meine Frau ein Profi. Heute allerdings bemerke ich ihr Unwohlsein. Weil sie auf dem Weg zurück zum Haus ständig am Kichern ist.

Ihr Arzt hat ihr befohlen, das Lachen unter Kontrolle zu kriegen. Das würde den Stress herunterfahren und ihr Immunsystem stärken. Und sie muss bei Kräften und gesund sein, wenn ich noch einen Jungen von ihr haben will.

Mit Adeline werde ich mich später befassen.

Ich lege meinen Filzhut ab. Schlüpfe aus meinem Trenchcoat.

Küsse die Tote ein letztes Mal.

Für gewöhnlich verdrängt der Sex mit Margaret meinen Frust aus dem Oberstübchen, doch der heutige Morgen ist weit davon entfernt, ein normaler Morgen zu sein. Und ich kann nicht damit aufhören, an Adeline zu denken.

Keine Ahnung, wer sie auf dem Gewissen hat – oder ihren Leichnam aus meiner Karre gestohlen hat.

Aber warum es mir nicht egal ist – dass ist das größte Rätsel.

Letzten Endes war Adeline doch nichts anderes als eine Puppe gewesen.

Menschlich? Ja – gerade so.

Niemand, der noch irgendwie klar im Kopf ist, würde seine Zeit oder Energie mit so etwas Armseligem vergeuden.

Also werde ich doch allmählich verrückt.

Nachdem ich meine Frau mit meinem Erbe gefüllt habe, steige ich aus dem Bett und ziehe meine Hose an. »Ich geh ins Büro.«

»Okay«, sagt meine Frau.

Sie kriegt keinen Abschiedskuss von mir. Schließlich ist es ihr auch nicht gelungen, meine Sorgen verschwinden zu lassen.

Margaret lacht.

Eine kurze Autofahrt später bin ich wieder in meinem Büro und die Fernbedienung liegt nicht in der untersten Schreibtischschublade.

Ich suche das ganze Zimmer nach ihr ab.

Nichts.

Wenn eine Bedienung verschwindet, so liegt das nicht selten daran, dass der eigentliche Täter sie hat mitgehen lassen. Aber das Adeline sich selbst umgebracht haben soll, bezweifle ich doch sehr.

Sie hatte viel zu hart daran gearbeitet, mich zufrieden zu stellen.

Und zu überleben.

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass Adelines Ableben ein Mord war. Ich kann die Präsenz des Täters beinahe spüren. Ganz sicher ist er irgendwo dort draußen.

Und lauert in den Schatten jenes Labyrinths, das wir eine Stadt nennen.

Und wenn ich nichts dagegen unternehme, wird er mit dem Mord durchkommen.

Natürlich könnte ich einen Privatdetektiv engagieren. Aber der würde sich ganz sicherlich darüber wundern, warum ich so viel Kohle ausgebe, um den Mord an einer Puppe klären zu können. Dass er daraufhin in meiner Vergangenheit herumschnüffeln würde, steht außer Frage.

Und an die Polizei kann ich mich auch nicht wenden. Die würden mich auslachen. Das Töten einer Puppe ist gesetzlich gesehen eigentlich gar kein Mord. Und wenn es nach dem Handbuch geht, dann hat man im Falle einer getöteten Puppe die Agentur zu verständigen und nach einem Ersatz zu fragen.

Weil Menschen billig sind. Und Nachforschungen sind es nicht.

Wenn ich also diesen Killer dingfest machen will, muss ich auch die ganze Laufarbeit leisten.

»Du bist ein Idiot, Frank«, sage ich.

Und so wähle ich die Nummer der Agentur, gebe meine ID-Nummer ein und warte.

»Wie kann ich Ihnen behilflich sein, Sire?«, meldet sich eine Stimme nach einer halben Ewigkeit.

»Meine Bedienung ist verschwunden«, sage ich.

»Sollen wir die Ersatzbedienung an Ihre Privatadresse versenden?«

»Das ist nicht nötig. Die Koordinaten reichen.«

»Wir übermitteln sie in den nächsten zehn bis fünfzehn Minuten auf Ihren Organizer. Möchten Sie auch die Koordinaten für Ihre Puppe haben?«

»Die ist tot.«

»Ich bedauere diese Unannehmlichkeit. Sollen wir den Ersatz an Ihre Privatadresse versenden?«

»Ich will keinen Ersatz. Noch nicht.«

»Wenn Sie mit der vorangegangenen Puppe unzufrieden waren, so können wir Ihnen liebend gerne einen neuen Fragebogen zukommen lassen und Ihnen versichern, dass –«

»Ich war nicht unzufrieden. Und ich habe sie nicht umgebracht. Mir fehlt momentan einfach die Zeit für einen Ersatz. Wenn ich eine neue will, werde ich mich noch mal melden.«

»Ich danke Ihnen, Sire. Gibt es sonst noch etwas, dass ich für Sie tun kann?«

»Nein.«

Ich lege auf.

Eine halbe Stunde später stehe ich in einer kleinen Passage. Direkt vor einer lehmfarbigen Kuppel.

Ich checke meinen Organizer.

Es ist der richtige Ort.

Da es keine Tür gibt, sage ich einfach: »Hallo?«

Kurz darauf klettert ein Mann in einer neonfarbenen Tunika aus einer Öffnung an der Kuppelspitze. Er hockt sich hin und richtet seine Zwille direkt auf mich. »Kann ich Ihnen helfen?«

Ich ziehe meine Knarre und deute mit dem Lauf auf ihn. »Weg mit dem Spielzeug.«

»Lieber nicht.«

»Wenn Sie mich mit dem Ding treffen, werde ich keine Sekunde zögern, Sie abzuknallen.«

»Wenn Sie mich nicht angreifen, werde ich auch nicht schießen.«

»Und wenn Sie mit dem Finger ausrutschen?«

»Das passiert normalerweise nicht.«

»Haben Sie meine Bedienung geklaut?«

Der Neonmann lässt die Zwille sinken. »Oh. Sie sind es. Bin gleich wieder da.« Er verschwindet in der Öffnung.

Ich warte. Geschlagene fünf Minuten. »Haben Sie sich da drin versteckt oder was?«

Dann kehrt der Mann mit der Bedienung zurück. Meiner Bedienung. »Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat. Ich hatte vergessen, wo sie war.«

Ich richte die Waffe wieder auf ihn. »Her damit.«

Er gehorcht und wirft die Bedienung herunter.

Ich fange das Gerät mit meiner freien Hand. »Warum haben Sie sie umgebracht?«

Er lacht. »Ich habe niemanden umgebracht. Ich bin ein Nymph.«

Ah, einer von diesen pazifistischen Weicheiern, die dieses großartige Land ruiniert haben.

Mich juckt der Finger. Um ein Haar drücke ich ab. Weil ich mich an jenen Tag erinnern kann, an dem ich ein Nymphenpamphlet in dem Kleiderschrank meines damals 13-jährigen Sohnes gefunden habe. Zum Glück hatte ich diese Entdeckung zur rechten Zeit gemacht. Gleich am nächsten Tag hab ich ihn ins Erziehungscamp verfrachtet, und als er sechs Monate später zurückgekehrt war, war er so gut wie neu gewesen.

Und trotzdem wäre es dieser Schweinbande beinahe gelungen, ihn mit ihrem ideologischen Gift zu entmannen.

Und so was kann ich nicht verzeihen.

»Ein Mann hat mir die Bedienung gegeben«, erklärt der Nymph.

Ich hole tief Luft und senke die Waffe. »Welcher Mann?«

»Weiß ich nicht. Er hat mir seinen Namen nicht genannt.«

»Wie hat er ausgesehen?«

»Er hat ´ne Maske getragen. Hat ausgesehen wie ein Gorilla. Hat mir gesagt, dass Sie wegen der Fernbedienung hier auftauchen würden. Irgendwann. Hat gesagt, dass er eine Nachricht für Sie hätte. Hat irgendwas von einer Uhr gefaselt, glaube ich. Ganz ehrlich, ich hab damals nur mit einem Ohr zugehört. War zugedröhnt gewesen. Aber an den Teil mit der Uhr kann ich mich definitiv erinnern.«

»Ist das alles?«

»Ja.«

Ich drücke ab.

Die Kugel verfehlt ihn. Er verschwindet in der Öffnung. Ich feuere noch ein paar Schüsse auf seinen Dom ab und dieser Warmduscher murmelt irgendwas über Gaias Herz.

Vielleicht hab ich ihn ja doch erwischt. Vielleicht auch nicht.

Wie dem auch sei – dafür wird mich keiner umlegen. Die einzigen, die sich um die Nymphen Sorgen machen sind andere Nymphen. Und von denen ist garantiert keiner auf Vergeltung aus. Armseliger Verein.

Und falls ich diesen Feigling tatsächlich abgemurkst habe, dann hab ich ihm einen Gefallen getan.

»Gern geschehen«, sage ich.

Wieder zurück in der Schlafbaracke, gestatte ich es jedem einzelnen meiner Diener, meine Eier schaukeln zu dürfen. Sie wissen ganz genau, dass ich nicht eine Sekunde zögern und von meinem gegebenen Recht, ihnen die Schädel wegzupusten, Gebrauch machen würde, wenn ich sie beim Lügen erwischen würde. Also blicke ich tief in ihre Augen.

»Ich habe sie nicht getötet, Sire«, sagt Victor der Koch. »Ich würde niemals mutwillig Ihr Eigentum beschädigen.«

Victor sieht ängstlich aus. Verdächtig. Schuldig.

Das einzige Problem ist – die anderen tun es auch.

»Du lügst«, sage ich. »Aber wenn du mir jetzt die Wahrheit sagst, dann lasse ich dich am Leben.«

»Ich weiß nichts«, sagt Victor.

»Ich weiß, dass du etwas weißt. Deine Freunde haben es mir gesagt. Die haben dich verkauft.«

»Es sind Lügner.«

Ich richte meine Magnum auf sein Gesicht. »Du  bist der Lügner.«

Victor lässt meine Eier los und legt sein Gesicht in seine Hände.

»Pack die wieder zurück«, befehle ich.

Der Koch gehorcht. »Es tut mir leid, Sire. Ich habe ihre Leiche gestohlen. Bitte töten Sie mich nicht.«

Ich senke den Revolver. »Hast du sie umgebracht?«

»Nein.«

»Wo ist die Leiche jetzt?«

»Ich habe sie zum Haus ihrer Eltern gebracht. Sie hatten mich angestellt.«

Und ich würde mir jetzt am liebsten selbst in den Arsch beißen. Eigentlich hätte ich es wissen müssen, doch neige ich leider stark dazu, zu vergessen, dass Puppen auch Familien besitzen.

»Meinen Glückwunsch. Du hast dich gerade selbst gerettet.«

»Ich danke Ihnen, Sire.«

Ich schieße ihm in den Fuß. »Wage es kein zweites Mal, mich zu bestehlen.«

»Ja, Sire«, stöhnt Victor.

Ich fahre zurück in die Stadt. Mein Ziel ist eine alte Baracke irgendwo zwischen den Industrieanlagen. Bevor ich aussteige, setze ich mir das Atemgerät auf. Ist doch logisch.

»Wer sind Sie?«, fragt mich ein Mann an der Tür.

»Frank Edge«, antworte ich. »Adeline war meine Puppe.«

»Wer ist Adeline?«

»Maria.«

»Oh. Ich verstehe. Treten Sie ein.« Der Typ klingt, als würde er jede Sekunde losheulen. Tut er aber nicht.

Ich betrete den Transitionsraum.

»Wir müssen hier noch ein Minütchen warten«, setzt sich der Mann gegen die lärmenden Gebläse durch.

»Ihr habt euch mit dem Falschen angelegt«, sage ich.

»Sie müssen lauter reden.«

Nach einem langen Schweigen öffnet der Knilch schließlich die zweite Tür. Ich betrete ein Universum des Vulgären. Mich schaudert es.

Es gibt einen triftigen Grund, warum diese Leute den Bodensatz der menschlichen Pyramide darstellen.

Sie sehen sich auf gleicher Höhe mit den Tieren. Also graben sie Löcher in den Boden, damit Pflanzen darin wachsen können. Ihre materiellen Ausrichtungen folgen keinem roten Faden; keiner Idee.

Das Einzige, was ich hier sehen kann, ist Chaos und Gleichgültigkeit.

Wie gerne würde ich diesen Ort mit meinen bloßen Händen auseinandernehmen. Und zwar auf der Stelle. Doch stattdessen lehne ich mich mit verschränkten Armen gegen die Wand.

»Sie können Ihre Maske jetzt abnehmen«, sagt der Mann und löst seine eigene vom Gesicht. »Hier ist alles luftdicht verschlossen.«

Ich rühre mich nicht.

Eine Frau nähert sich. Sie hält ein Baby. »Wer sind Sie?«

»Frank Edge«, sage ich. »Adeline war meine Puppe.«

»Wer ist Adeline?«

»Maria«, erklärt der Mann.

»Ich weiß, dass ihr sie habt«, sage ich. »Wo ist sie?«

»Sie gehört hierher«, sagt die Frau. »Sie haben kein Recht, Ihren Körper zu behalten.«

»Ich habe jedes Recht.« Zeit, mein Messer zu zücken. »Sie haben sie mir gestohlen und jetzt kann ich jeden in Ihrer Hausgemeinschaft dafür zur Rechenschaft ziehen.« Die Messerspitze richte ich auf das Baby. »Vielleicht bin ich ja sogar zu dem Schluss gekommen, dass sie diejenige am Drücker gewesen ist.«

»Das können Sie nicht machen.«

»Und wie ich das kann. Ich muss nur noch die Wahl treffen: Finger oder Zeh.«

Die Frau schreit auf. Es klingt hässlich, unattraktiv.

Der Mann schnappt sich ihren Arm. »Ich hab es dir gesagt. Ich habe dir gesagt, ihren Körper in Ruhe zu lassen. Aber du wolltest ja nicht hören. Ich wusste, dass es so kommen würde.«

»Es ist nicht ihre Schuld«, sage ich. »Du bist der Herr dieser Gemeinschaft und damit hättest du sie auch aufhalten müssen.«

»Bitte – tun Sie unserem Baby nichts«, fleht die Frau mich an. »Wir tun alles, was sie verlangen.«

»Das weiß ich.« Das Messer verschwindet. »Aber zum Glück hab ich heute meinen großzügigen Tag. Darum werde ich euch nichts antun – und ihr gebt mir ihren Körper zurück.«

»Vielen Dank, Sire«, sagt der Mann.

»Vielen Dank, Sire«, sagt die Frau.

»Bevor ich gehe, möchte ich allerdings noch ein paar Momente mit Ihrer Tochter alleine verbringen«, sage ich. »Wo steckt sie?«

»Hinter dem Bett«, antwortet der Mann und deutet auf das entsprechende Möbelstück. Als ob ich noch niemals zuvor ein Bett gesehen hätte.

»Worauf wartet ihr beiden noch? Ab nach draußen mit euch.«

Sie starren mich erst noch einen Augenblick an, ehe sie ihre Masken aufsetzen.

»Lassen Sie sie in Ruhe«, fleht die Frau. »Bitte.«

»Sagen Sie mir nicht, was ich zu tun habe«, kontere ich.

Nachdem sie gegangen sind, werfe ich das Bettlaken beiseite, unter dem Adelines Körper liegt. Beinahe erkenne ich sie nicht mehr. Weniger, weil sie tot ist. Sondern weil ihr Haar jetzt geflochten ist und sie nun Jeans und ein T-Shirt trägt.

Sie sieht so gewöhnlich aus.

»Es tut mir leid«, sage ich. Keine Ahnung, warum. Vielleicht weil mir ihr Tod leid tut. Oder weil ich ihr zu Lebzeiten niemals genügend Anerkennung habe zukommen lassen.

Von allen Adelines, die ich bisher gehabt hatte, war sie die Beste gewesen. Ich hätte es ihr sagen müssen, als ich noch die Chance dazu gehabt hatte.

Aber jetzt ist es dafür zu spät. Und ganz wie mein Vater immer gesagt hat: Männer, die sich an die Vergangenheit klammern, sind dazu verdammt, von all denen besiegt zu werden, die nur die Zukunft vor Augen haben.

Ich durchforste den Raum.

Das schwarze Kleid, das ich Adeline an meinem 35. Geburtstag geschenkt habe, finde ich in einer Plastiktüte. Zusammen mit einer Packung Kippen, einem blutroten Lippenstift und einer Kopie des Drehbuchs, das ich gestern Nacht geschrieben habe. Außerdem stoße ich auf einen neonfarbenen Zettel, auf dem etwas steht, was möglicherweise eine Telefonnummer sein könnte.

»Auf Widersehen, Adeline«, verabschiede ich mich. Meine Finger streifen ihre Züge. Und obwohl ich mich längst an den Umgang mit Leichen gewöhnt habe, fange ich zu zittern an. Als wäre die Kälte ihres Körpers in meinen übergesprungen.

Ich sehe mich selbst dort liegend. An Adelines Stelle.

Ich zwinge mich, zu lachen.

Besser fühle ich mich dadurch aber nicht.

Eine Weile hocke ich einfach nur so da. Rieche den Duft des Kleids. Starre die leere Stelle an, an der gewöhnlich Adeline gestanden hatte.

Dann wähle ich die Nummer.

Ein Freizeichen später meldet sich eine Frauenstimme: »Wer spricht da?«

»Frank Edge«, antworte ich. »Adeline war meine Puppe gewesen.«

»Wer ist Adeline?«

»Maria. Maria Bittencourt. Haben Sie sie gekannt?«

»Weshalb?«

»Weil ich Ihren Mörder finden will.«

Die Frau antwortet nicht.

»Sind Sie noch dran?«, frage ich.

»Ja«, antwortet sie.

»Wissen Sie, wer sie ermordet hat?«

»Eine interessante Frage. Und noch dazu von einem Mann wie Sie. Warum wollen Sie das wissen?«

»Sie war meine Puppe.«

»Das ist kein ausreichender Grund, Mister Henderson.«

Sie kennt also meinen wahren Namen. »Sie war etwas ganz Besonderes für mich.«

»Es fällt mir zwar schwer, Ihnen das abzukaufen, doch fürs Erste glaube ich Ihnen. Wir werden dieses Gespräch persönlich fortführen. Heute Abend. Neunzehn Uhr. Ich sende Ihnen die Koordinaten.«

»Solange ich nicht den Ort und die Zeit bestimme, wird kein Treffen stattfinden.«

»Dann werden wir nicht zusammenkommen.«

Klick. Aufgelegt.

Wenige Minuten später erhalte ich die Koordinaten.

Für gewöhnlich beuge ich mich nicht nach den Wünschen einer Frau. Und schon gar nicht, wenn sie so anmaßend ist, wie jene, mit der ich gerade gesprochen habe. Doch gegenwärtig ist auch nichts mehr normal.

Und so stehe ich um neunzehn Uhr mitten im Wald, gleich vor den Toren der Stadt und erinnere mich an die Jagdausflüge mit meinem Vater. Jedes Mal lernte ich von ihm neue Schimpfwörter, während wir die Bestien gemeinsam zur Strecke brachten.

»Hallo Frank«, ertönt eine Frauenstimme hinter mir.

Ich balle eine Faust. Noch nie hat mich eine Frau mit meinem Vornamen angesprochen.

Es sind drei Frauen. Und alle tragen sie Rollkragenpullis und Hosen.

»Sie sind spät«, sage ich.

Die Mittlere gibt ihre Laterne an die Hübscheste weiter und sagt: »Seien Sie froh, dass wir überhaupt gekommen sind.«

»Wissen Sie, wer Adeline ermordet hat?«

»Nennen Sie sie nicht so.«

»Sie war meine Puppe und damit hatte ich auch das Recht, ihren Namen zu ändern.«

»Ihre Gesetze sind lediglich Illusionen zur Aufrechterhaltung Ihrer Privilegien.«

»Sie gehören zu Nymph, nicht wahr?«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Weil Sie wie eine von denen klingen. Und weil Sie mich im Wald treffen wollten. Und weil Ihre Nummer auf ein neonfarbenes Stück Papier gekritzelt worden war.«

»Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen. Trotzdem bin nicht von Nymph. Und zu Ihrer Information – ich klinge auch nicht wie eine von denen. Die glauben daran, dass der Fluss des transzendentalen Wissens verstopft würde, wenn man sich mit den Gesetzen und der Politik auseinandersetzt.«

»Wer sind Sie dann?«

»Ich heiße Fen.«

»Ihren Namen wollte ich gar nicht wissen.«

»Ich bin nicht gekommen, um Ihre Fragen zu beantworten, Frank.«

Schluss damit. Es reicht. Ich zücke meinen Revolver.

Doch bevor ich ihn auf Fen richten kann, hat sie die Magnum bereits gepackt und zielt damit auf meinen Schritt.

Ich trete zurück. »Warten Sie. Eine Minute.«

Das hübsche Mädchen lacht.

»Das ist nicht komisch«, sagt Fen.

»’tschuldigung«, sagt die andere.

Wahrscheinlich liegt es an der schockierenden Situation, dass meine Unnahbarkeit urplötzlich Risse bekommt und mir nach Heulen zumute ist.

Selbstverständlich haben auch schon andere mit einer Waffe auf mich gezielt. Aber noch niemals eine Frau.

»Lügendetektor«, sagt Fen.

Das hässliche Mädchen holt eine kleine Metallbox hervor und richtet ein rotes Licht auf meine Augen.

Fen weist auf die Magnum, die weiterhin auf meinen Schritt gerichtet ist. »Sagen Sie die Wahrheit und ich werde gnädig sein. Suchen Sie tatsächlich Marias Mörder?«

»Ja«, sage ich.

Das hübsche Mädchen klemmt sich eine Art Stab zwischen die Lippen. Sieht wie eine Zigarettenspitze aus.

Dann trifft mich ein Pfeil in der Brust.

»Ihr habt euch mit dem Falschen …«, bringe ich hervor, während ich zusammenbreche.

Als ich wieder zu mir komme, dreht sich alles. Überall ist Blut. Überall sind Frauen. Sie schreien mich an.

Sehr bald lösen sich die Wolken in meinem Verstand und mir wird bewusst, dass man mich in Handfesseln gelegt hat, die mit einem Haken am Boden verbunden sind. Es gibt keine Fenster hier drin. Überall stehen Kanister und die Wände sind überzogen mit Fotos und Monitoren. Auf einem der Monitore ist ein Mann zu sehen, der einer Puppe das Ohrläppchen abschneidet. Immer und immer wieder. Eine andere Puppe fleht einen Mann mit Skimaske an, die Fesseln ein wenig zu lockern. Überall sehe ich Schnitte und blaue Flecken und hervorragende Knochenfragmente. Ich sehe einen abgetrennten Kopf, der über ein paar Stufen kullert; höre das Lachen eines Kindes.

»Sie sehen ein wenig entsetzt aus, Frank«, bemerkt Fen, die auf einem Stuhl am anderen Ende des Raumes Platz genommen hat.

»Aus gutem Grund«, sage ich. »Dass es so viele Männer gibt, die ihre Puppen quälen, wusste ich nicht.«

»Und das von dem Mann, der Maria Bittencourt gequält hat.«

»Ich habe Maria kein einziges Mal gequält.«

»Dann sehen Sie den Akt der Vergewaltigung nicht als eine Form der Qual an?«

»Ich habe sie nie vergewaltigt.«

»Sie haben ihr mit dem Tod gedroht, falls sie nicht mit Ihnen Sex haben würde?«

»Sie war mir wichtig gewesen. Und ich denke, dass ich ihr auch etwas bedeutet habe.«

Auf Fens Schoss liegt eine Aktentasche. Sie öffnet sie.

»Könnten Sie jetzt endlich die Monitore abschalten?«, bitte ich.

»Natürlich könnte ich das«, sagt Fen. »Aber ich werde es nicht.«

Mit einem Blatt Papier in der Hand kommt sie zu mir. Schaut auf mich hinab. »Dies ist die Warteliste all jener, die ihre Zündkapsel operativ entfernt haben wollen. Ungefähr zehn Prozent aller Frauen überleben diesen Vorgang nicht. Trotzdem tragen sich die meisten Frauen, die ich kennen lerne auf dieser Liste ein. Weil es für sie der einzige Ausweg ist, um Männern wie Sie zu entkommen. Da ist auch Marias Unterschrift. Das war vor vier Jahren gewesen. Und wenn Sie noch unter uns weilen würde, wäre ihre Befreiung in zwei Monaten fällig gewesen. Sie hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als Sie niemals mehr sehen zu müssen, Frank. Sie haben ihr die Hölle auf Erden bereitet.«

Mir wird schwummerig. Ich kann eine Puppe hören. Sie fleht um Gnade. »Schalten Sie die Monitore ab. Bitte.«

»Nein.«

Zwar schließe ich die Augen, doch die Woge der Gewalt bleibt. Mir fällt ein, wie ich einmal Adeline geschlagen habe. Ich weiß nicht, aus welchem Grund.

»Wissen Sie wer Adeline ermordet hat?«, frage ich.

»Ich hab es Ihnen schon mal gesagt – nennen Sie sie nicht so.«

»Wissen Sie wer Adeline ermordet hat?«

»Nein. Haben Sie irgendwelche Spuren?«

»Nein.«

Die Geräusche von Qual und Folter verstummen.

Ich schlage die Augen auf. Die Monitore sind verstummt und der Lauf einer Waffe ist auf mein Gesicht gerichtet.

»Ich würde Ihnen ja gerne glauben, Frank«, sagt Fen. »Doch dann muss ich an alle Männer denken, denen ich in der Vergangenheit begegnet bin. Sie waren ausnahmslos gute Lügner. Und ich bin mir sicher: Sie sind es auch. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Sie Marias Verbindung mit meiner Organisation herausgefunden und sie deshalb ermordet haben. Und danach haben Sie vorgetäuscht, dass Sie nach ihrem Mörder suchen würden, um mein Interesse auf Sie zu lenken. Sie wussten, dass ich Sie hierher bringen würde. Für wen arbeiten Sie also? Oder ist das so eine Selbstjustiz-Geschichte?«

»Ich habe Sie nicht belogen«, sage ich.

»Wie gerne würde ich Ihnen das glauben. Aber das Risiko ist einfach zu hoch. Ich werde Sie wohl töten müssen, Frank.«

»Warten Sie? Was war mit dem Lügendetektor? Der muss doch die Wahrheit angezeigt haben.«

»Das war kein Lügendetektor. Nur eine Box mit einem roten Licht.« Der Hahn der Waffe spannt sich.

»Nein!« Als wäre ich eine Memme, stürzt mein Pokergesicht zusammen. Ich fange zu heulen an.

Fen starrt mich an. Eine ganze Weile. Dann verstaut sie die Waffe wieder im Schulterhalfter.

»Danke«, sage ich, ohne groß nachzudenken. Ich beiße mir auf die Lippe. Es schmerzt.

»Sie sind ein egomanischer Psychopath, Frank«, sagt Fen. »Aber vielleicht – irgendwie – gibt es ja doch noch Hoffnung für Sie.« Sie kehrt zum Stuhl zurück. »Ich kann Ihr Verlangen, Marias Tod unbedingt rächen zu wollen, durchaus verstehen. Aber das wird nicht ihre Ehre wiederherstellen. Oder ihren Geist besänftigen. Als ich Maria zum ersten Mal traf, war sie eine sehr wütende Person. Sie hasste Sie leidenschaftlich. Aber in den darauf folgenden Jahren hat sie sehr hart daran gearbeitet, sich ihrer Schuldgefühle zu entledigen und inneren Frieden zu erreichen. Worauf ich hinaus möchte, Frank, ist, dass Maria es nicht gewollt hätte, wenn Sie in ihrem Namen einen Mord begangen hätten. Vielmehr wünschte sie sich nichts sehnlicher, als das Sie anderen Frauen helfen mögen, jene Freiheit zu bekommen, die ihr verwahrt geblieben war.«

»Und wie genau soll ich das anstellen?«

»Es existiert eine unterirdische Forschungsanlage. Bei den Industrieanlagen. Dort wird an Frauen getestet.«

Fen zeigt mir mehrere Fotos einer gefesselten Puppe. Brandwunden überziehen ihren nackten Körper.

»Mit den notwendigen Geldmitteln könnte meine Organisation diese Anlage infiltrieren und die Gefangenen befreien.«

An diesem Punkt versiegen meine Tränen. Stattdessen flammt Zorn in mir auf. Hätte ich noch meine Waffe, so wäre spätestens jetzt einer von uns beiden nicht mehr am Leben. »Das Spiel ist aus, meine Süße. Du kannst keinen Vorstandschef verarschen.«

»Wovon reden Sie da, Frank?«

»Dass ihr Männer verschleppt und hier, in diese Folterkammer bringt und deren hart verdientes Geld aus ihnen herauspresst.«

Die Idee bringt mich zum Kichern.

»Viele der Frauen, die sich meiner Organisation anschließen, sind selbstmordgefährdet, Frank«, sagt Fen. »Sie benötigen jahrelange Therapiesitzungen, um ihr emotionales und spirituelles Gleichgewicht wieder zu finden. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Wut ist dabei ein ganz wichtiger Beitrag. Natürlich kann man sich nicht ein Leben lang auf die eigene Wut, den eigenen Zorn konzentrieren. Ebenso wenig wie man seine Gefühle unterdrücken kann. Ich habe diesen Ort erschaffen, weil sich die Frauen innerhalb meiner Organisation sehr oft selbst die Schuld für ihre Erfahrungen geben. Doch wenn sie hier her kommen und die Urnen der Toten sehen und Zeuge werden, welche Misshandlungen anderen zugestoßen sind, desto leichter fällt es ihnen, sich mit ihren inneren Wüten auseinanderzusetzen. Und vor allem hilft es ihnen, zu überleben.«

Ich kichere nochmals. »Sie tun so, als würden Sie diesen Mädchen helfen. Dabei manipulieren Sie sie, damit sie Teil Ihrer kleinen Armee werden können.«

»Das ist keine Armee.«

»Worauf ich hinaus möchte – diese Puppen besitzen so etwas wie innere Wut gar nicht. Bis Sie ihnen die Vorstellung aufzwingen. Maria fing mich erst zu hassen an, nachdem Sie ihr diese grausamen Bilder gezeigt haben.«

»Sie mögen grausam sein. Aber sie sind definitiv keine Ausnahmen. Die Gewalt ist ein direktes Resultat der Pyramide. Und wenn Sie diesem System beiwohnen, dann sind Sie auch für die grausamen Konsequenzen verantwortlich.« Sie kommt wieder zu mir. Händigt mir ein Foto von Maria aus. »Sie haben sie nicht ermordet, Frank. Aber Sie dafür gesorgt, jene Lebensumstände aufrechtzuerhalten, in der Killer entstehen können.«

Ich blicke auf Marias fröhliches Gesicht und tausend Erinnerungen fallen über mich her. »Selbst wenn ich Ihnen helfen und die Puppen aus der Forschungsanlage befreien würde – es würden dennoch immer mehr werden. Sie könnten auch sämtliche Labors dieser Welt in die Luft sprengen. Ändern würde sich trotzdem nichts.«

»Stimmt. Aber dies ist Teil eines größeren Plans, Frank. Und eines Tages werden wir die Pyramide zum Einsturz bringen.«

»Völlig ausgeschlossen.«

»Nicht, wenn wir genug Menschen beisammen haben, die uns helfen. Menschen wie Sie.«

Mit der Vorderseite lege ich Marias Foto auf den Boden. »Sie machen sich was vor, Fen. Sie können nicht die ganze Welt ändern.«

»Das sagen Sie nur, weil Sie nicht wissen, wozu wir fähig sind.«

»Ich weiß, dass Sie eine ganz besondere Frau sind. Und das es Ihre Bestimmung ist, eines Tages Großartiges zu leisten. Aber wenn Sie sich wegen ein paar Puppen den Arsch aufreißen wollen, dann ist das Zeitverschwendung. Warum arbeiten Sie nicht für mich? Ich kann Ihnen richtige Macht geben und gemeinsam können wir der Welt zeigen, wozu Frauen tatsächlich fähig sind.«

»Sie scheinen einen falschen Eindruck von mir zu haben.« Sie zieht ein zweites Blatt aus der Aktentasche. »Das ist die Warteliste zum Entfernen der Tätowierung. Nach meiner Befreiung musste ich zwei Jahre warten, bis ich an der Reihe war.«

»Dann sind Sie eine Puppe?«

»Nein. Aber man hat mich so genannt.«

Ich betrachte ihre Stirn. Die Stelle, wo einst das Symbol gewesen war. Der Schwindel kehrt zurück.

Und Fen klemmt sich eine Art Stab zwischen die Lippen.

»Es tut mir leid …«, bringe ich hervor, während ich zusammenbreche.

Die Schubladen und Aktenschränke in diesem Büro mögen leer sein. Und vielleicht spiele ich den Schnüffler nur in meiner Fantasie. Doch während ich hier, auf diesem falschen Stuhl hocke und Marias Foto anblicke, fühle ich mich wie Frank Edge. Ein Mann, der es stets genießt, den Reizen einer Frau zu erliegen; ganz gleich, was sein Instinkt ihm auch rät.

Und im Augenblick rät mir mein Instinkt auf keinen Fall den Knopf meines Organizers zu drücken und einen Großteil meines Vermögens auf Fens Konto zu transferieren.

Bevor ich mich entscheiden kann, klopft es an der Tür.

In meinem Verstand taucht ein Abbild von Fen auf.

Doch, nein – es ist nur Henry.

»Was machen Sie hier?«, frage ich. »Sagen Sie nicht, dass der McCarthy-Deal geplatzt ist.«

»Nein. Nichts in der Art. Ich habe Ihnen ein Geständnis zu machen.«

»Also schön.«

Henry nimmt auf Marias Stuhl Platz. Er lächelt. »Ich habe sie ermordet.«

»Wen?«

»Ihre Puppe. Ich und Steven und noch ein paar andere Kollegen haben uns das ausgedacht. Zwar haben wir eine ganze Reihe von Hinweisen verteilt, die letztlich direkt zu uns geführt hätten, aber dass Sie ein so lausiger Ermittler sein würden, haben wir nicht gedacht.« Er lacht auf.

Ich packe Henrys Arme. »Sie haben Maria getötet?«

»Beruhigen Sie sich, Frank. Es war doch nur ein harmloser Streich.«

Mein Zorn ufert ins Bodenlose aus. Ich greife nach Henrys Gesicht.

»Was stimmt mit Ihnen nicht, Frank?«, verlangt Henry, während ich seine Nase packe.

Dann schnappe ich mir den Organizer.

In meiner Unnahbarkeit zeigen sich mal wieder Risse. Stehe ich jetzt nur tatenlos da, dann stelle ich höchstpersönlich die Pyramide auf den Kopf. Dann wird den Puppen jene Macht zugesprochen werden, die von Rechts wegen mir zusteht.

Also zücke ich meine Waffe.

»Was haben Sie vor?«, fragt Henry.

Ich ziele auf seine Stirn. Drücke ab.

Und weil ich an der Spitze der Pyramide stehe, wird mich der Staat in Ruhe lassen.

Stattdessen wird man mich ins Sanatorium verfrachten und mich von den Gefühlen und ideologischen Giften reinigen, die mich durchschwemmt haben.

Dann bin ich eben verrückt.

Aber trotzdem bin ich noch ein Mensch.

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