Leseprobe: CRADLE LAKE von RONALD MALFI

KAPITEL 1

Er war schon einmal bei diesem Haus gewesen, in seiner Jugend, bei irgendeinem Totenbesuch eines Verwandten, oder vielleicht zu einem Osterdinner. Wer konnte das schon sagen? Die meisten seiner Erinnerungen waren bereits verblasst wie die Gesichter der längst vergessenen Verwandten, die er in seiner Kindheit so selten gesehen hatte.

Zu dieser Zeit war das Haus für ihn noch bedeutungslos gewesen. Er erinnerte sich an die Größe des Grundstücks und die umliegenden Wälder, die reizvoller aussahen, als die heruntergekommene, butterfarbene Ranch mit der umlaufenden Veranda und den wie Reptilienschuppen angelegten Dachschindeln. Es war der Ort seines Onkels gewesen. Wie alle seine Verwandten, die mit Sicherheit noch nie ihre Geburtsstätten verlassen hatten, in diesem Fall die Ausläufe der Great Smoky Mountains im ländlichen North Carolina, hatte auch er den Bruder seines Vaters nur selten zu Gesicht bekommen. Onkel Philipp. Er konnte sich nicht mal mehr an dessen Gesicht entsinnen. Fast zwei Jahrzehnte lagen nun seit Alan Hammerstuns Besuch zurück. Mit einem bis unters Dach vollgepackten Toyota Celica, seiner Frau Heather und Hund Jerry Lee auf der Rückbank, der gelegentlich einen Furz losließ, reiste er aus New York City an, wo er bereits sein halbes Leben verbracht hatte. Während der Fahrt hatten sie nur wenige Worte miteinander gewechselt. Bei seinen Tankstellenstopps kam er sich wie ein Idiot vor, wenn er die Kassierer auf der Suche nach menschlicher Interaktion vollquatschte. Durch das Fenster der Tankstelle beobachtete er Heather, die mit Jerry Lee am Rande des Parkplatzes spazieren ging, damit der Hund das verbrannte Gras bepinkeln konnte. Seine Frau schwebte wie ein Geist neben ihm her. Die Sonne strahlte sie auf eine Weise an, die Alan den Eindruck gab, durch sie hindurchsehen zu können.

Wenn ich sie noch länger anschaue, wird sie verschwinden. Das weiß ich. Ich kann es fühlen.

Als sie sich dem Haus seines Onkels näherten, erzählte er Heather von dem Grundstück und den riesigen Wäldern, die sich dahinter befanden und am Rücken der großen Bergkette hochkletterten. Es überraschte ihn, dass er diese Erinnerungen in einer solchen Klarheit hervorrufen konnte, was ihm wenige Augenblicke zuvor noch nicht möglich gewesen war. Auch die emotionalen Auswirkungen hatten ihn nun fest im Griff. Alans Vater, Bill Hammerstun, war der Außenseiter der Familie gewesen. Er verließ North Carolina, als er noch jung war, und entgegen aller Widrigkeiten war er in Manhattan der Inhaber eines beliebten Nachtclubs im Finanzbezirk geworden, in dem sich die Wall-Street-Kokser und das organisierte Verbrechen herumtrieben. Das hatte schlussendlich dazu geführt, dass Bill Hammerstun mit einer Kugel im Kopf tot aufgefunden wurde. Alan war damals noch ein Teenager gewesen.

»Ich erinnere mich kaum an das Haus«, fing Alan an, »aber ich erinnere mich daran, dass mich dieses Anwesen immer sehr beeindruckt hat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es gar nicht so groß ist, wie ich es mir einbilde. Doch als ein Kind aus der Stadt war es mir einfach unbegreiflich, wie jemand einen Hektar Land besitzen konnte.«

»Wie ist er gestorben?«, fragte Heather. Sie sah ihn dabei nicht an; seit etwa einer Stunde starrte sie aus dem Beifahrerfenster.

Das ist das Erste, was sie seit dem Nachmittag sagt, und genau das hat mit Tod zu tun, dachte er und spürte eine Übelkeit seinen Magen hochklettern.

»Durch die Zeit, vermute ich«, sagte er. »Das Alter. Ein Schlaganfall, denke ich. Das ist zumindest das, was mir der Anwalt mitgeteilt hat. Ich habe nie die Todesursachen oder Ähnliches auf Papier gesehen. Philipps Kinder sollten eigentlich die Details kennen.«

Er wartete, dass seine Frau die Zügel in die Hand nahm und dem Gespräch etwas beifügte; vielleicht warum Philipp das Haus Alan vermacht hatte und nicht einem seiner Kinder. Da sie nichts erwiderte, sagte er: »Ich habe Onkel Philipp nur ein paarmal gesehen, als ich noch ein Junge war. Er und mein Vater haben sich nie sehr nahe gestanden. Nicht dass mein Vater irgendwem nahe gestanden hat. Es lagen fast 20 Jahre Altersunterschied zwischen ihnen. Um ehrlich zu sein, es überrascht mich, dass sich Onkel Philipp nach all den Jahren noch an mich erinnern konnte.« Wieder wartete er auf eine Antwort, doch Heather war fertig.

Ein Geist, dachte er.

Alan warf einen verstohlenen Blick auf ihr Profil, musterte ihre zarten Gesichtszüge. Sie wirkte erschreckend jung, auch wenn sie drei Jahre älter als er mit seinen 35 war. Sein Blick glitt über ihre Hände, die sie im Schoß vergraben hatte. Silberne Ringe mit bunten Steinen waren an ihren Fingern. Sie trug eine langärmlige Strickjacke, aber dennoch konnte er die Bandagen um ihre Handgelenke erkennen …

»Alan!«, schrie sie.

Er riss seinen Kopf herum. Etwas war direkt am Wagen vorbeigehuscht. Er trat auf die Bremse. Das Auto ruckelte bis zum Stillstand, die Kistenberge auf dem Rücksitz stürzten zusammen. Jerry Lee heulte auf.

Ein Junge mit einer roten Baseballkappe und einem gestreiften Poloshirt stand direkt vor ihnen. Große braune Augen, goldbraune Haare, die nur auf das Nötigste getrimmt waren, ein erschrockenes Gesicht … der Junge hatte nichts abbekommen. Nur der bloßen Laune des Schicksals wegen, und Heathers Schrei, war er dem Tod von der Schippe gesprungen. Die Augen des Jungen, mehr überrascht als erschrocken, fixierten Alan durch die Windschutzscheibe. Alan konnte sein Herz in der Kehle spüren. Seine schweißnassen Hände krallten sich ans Lenkrad.

Eine Sekunde später flog etwas vom Himmel herab. Die Ankunft wurde praktisch von einem comichaften Pfeifton unterstrichen. Der Gegenstand traf mit einem hohlen Gong auf der Motorhaube des Toyotas auf, und mit einem weiteren Satz landete er auf der Straße. Es war ein Baseball.

»Oh, Jesus«, stieß Alan hervor, sein Herz hämmerte wie eine Industriemaschine. Er warf Heather einen Blick zu. Ihre Augen waren weit aufgerissen und starrten den kleinen Jungen an, der nicht älter als zehn Jahre schien. Mit einer leicht zittrigen Unterlippe fragte er sie: »Bist du okay?«

»Der Junge«, würgte sie in einem Atemzug hervor, »du hättest ihn fast erwischt.«

Wie von dieser Aussage angesprochen, schnappte sich der Junge den Baseball und hastete damit über die Straße. Er schloss sich einer Gruppe an, die auf einer nahegelegenen Wiese stand. Er hatte nicht einmal über seine Schulter gesehen, um zu bekräftigen, dass er dem Tode gerade noch entronnen war.

»Dummer Junge«, sagte Alan. »Er ist aus dem Nichts gekommen.«

»Oh mein Gott«, seufzte Heather.

»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte er wieder. Er wollte nach einer ihrer Hände greifen, erwischte mit seinem Finger aber versehentlich den Verband an ihrem linken Handgelenk. Sie zuckte zurück, als wäre sie von einem elektrischen Schlag getroffen worden.

»Mir geht’s gut«, sagte sie einen Moment später. Atemlos schob sie eine schwarze Haarsträhne hinters Ohr.

Alan drehte sich um und traf dabei auf die grauweiße Schnauze des Golden Retrievers. »Alles in Ordnung, Kumpel?«

Der Hund winselte.

Als Alan sich wieder herumdrehte, fiel ihm das Haus seines Onkels auf, das sich vor ihnen auf der linken Seite befand. Zuerst erkannte er es nicht als dieses, da es völlig heruntergekommen war. In der Tat sah das ganze Ding wie ein finster dreinblickender Riese aus. Womöglich aufgrund des Alters hatte sein Onkel jegliche Versuche aufgegeben es zu erhalten.

»Das ist es«, sagte er und fuhr langsam die Straße entlang. Aus dem Augenwinkel achtete er auf die Kinder, die am Rand der Straße Baseball spielten. »Das ist das Grundstück meines Onkels.«

»Jetzt unseres«, korrigierte Heather mit solch unheimlicher Erleichterung, dass Alan ein eiskalter Schauer über den Rücken lief.

Er fuhr in die Einfahrt und hielt an. Jerry Lee spitzte die Ohren, während er schwer hechelte. Alan wusste, dass die Nieren des armen Tieres vermutlich am Ende waren, da es schon seit Langem Wasser lassen musste. Er stieg aus dem Wagen und ließ den Hund von der Rückbank springen. Jerry Lee trottete auf den nächsten Busch zu, wo er sich erleichterte. Beinahe war ein komischer, fast menschlicher Ausdruck der Erleichterung im Gesicht des Hundes zu sehen.

Heather saß immer noch im Wagen. Alan steckte den Kopf hinein. »Kommst du raus oder soll ich bis ins Wohnzimmer fahren?«

Seine scherzhafte Äußerung ging an ihr vorbei. Emotionslos öffnete sie die Beifahrertür und trat in die Einfahrt.

Fort war die butterfarbene Lebkuchen-Ranch aus Alans Erinnerungen. Stattdessen stand dort ein dreckiger Schuhkarton mit einem durchhängenden Dach und einer runzeligen, umlaufenden Veranda. Die vorderen Fenster sahen wie durch einen grauen Star erblindet aus und der Hof war schrecklich überwuchert. Am schlimmsten war das dichte Rebengeflecht, das an der Außenseite des Hauses nach oben kletterte, als wollte es dieses umarmen.

Alan ging zu einer Rebe, deren Stiel so dick wie zwei Finger war, und zog daran. Mit kleinen Dornen klammerte sie sich an der Fassade fest. Alans Blick folgte ihr nach unten, wo ihm ein Bündel wurmartiger Wurzeln auffiel, das im Boden verschwand. Für ihn sahen sie wie Leichen aus, die aus ihren Gräbern griffen.

Jerry Lee kam zu Heather und setzte sich neben ihre Beine. Sie starrte das Haus entgeistert an.

Sie hat wieder enorm viel Gewicht verloren, dachte Alan. Ich muss aufpassen, dass sie etwas zu sich nimmt.

»Und?«, fragte er. Er setzte nun seine beste Miene auf; ein Versuch vorzutäuschen, dass zwischen ihnen alles in Ordnung war. »Was sagst du dazu?«

Ungerührt zuckte Heather mit den Schultern und sagte: »Es ist ein Haus.«

Alan kramte in seinen Taschen nach dem Schlüssel. Als er auf die Veranda ging, bildete er sich ein, dass die Dielen ihm etwas vorgaukeln und jede Sekunde nachgeben würden. Doch sie hielten stand. Er sperrte die Tür auf und öffnete sie, die Scharniere quietschten. Er blickte über seine Schulter und wollte Heather zulächeln, doch seine Reserven schienen vorübergehend aufgebraucht zu sein. In diesem Moment konnte er sie nicht einmal ansehen. Stattdessen klopfte er auf seinen Oberschenkel und sagte: »Komm schon, Junge.«

Treu erklomm Jerry Lee die Verandatreppe und umkreiste Alan vor dem Eingang seiner neuen Heimat.

Dann begegnete er doch Heathers Blick. Darin war nichts als eine undefinierbare Leblosigkeit zu sehen, eine für ihn schon zu vertraute Leblosigkeit. Seine Gedanken kehrten in die Wohnung in jener Nacht zurück, in der er mit kaltem Schweiß erwacht war und Heathers Bettseite leer vorgefunden hatte. Licht vom anderen Ende des Flurs strahlte unter der geschlossenen Badezimmertür hindurch …

Nein, ermahnte er sich. Nicht hier, nicht jetzt. Wir haben alles in der Stadt zurückgelassen. Es ist Zeit für einen Neuanfang, verdammt noch mal. Ich möchte mich an diesen Albtraum nicht mehr zurückerinnern.

»Heather«, brachte er heraus, ihr Name klebte fast auf seinen Lippen.

Nach einem Moment überquerte sie den Rasen und kam die Treppen hoch. Neben ihm hielt sie kurz inne. Sie stand so nah, dass er beinahe jede Falte um ihren toten Blick zählen und die Konturen ihrer Ohrmuschel sehen konnte. Dann betrat sie ihr neues Zuhause.

Ein Neuanfang, dachte er und fragte sich mit einem etwas ängstlichen Gefühl, ob er sich nicht nur etwas vormachte.

20 Minuten später, als die Möbelpacker ankamen und begannen Alans und Heathers Sachen ins Haus zu schaffen, nahm er sich kurz Zeit, alles zu erkunden. Seiner Kindheitserinnerung, in der er hier zu Besuch gewesen war, konnte er nicht mehr trauen. Es war alles viel kleiner, als er dachte. Die Wandfarbe bröckelte teilweise ab, Fliesen waren im Bad gesprungen, eine dicke Staubschicht überzog den PVC-Boden in der Küche.

Das Immobilienbüro hatte die meisten Habseligkeiten seines Onkels entsorgt, obwohl noch einige Bilder die Wände dekorierten, und die seltsame Kaffeetasse sowie die Lampe waren auch noch da.

Im Schlafzimmer öffnete Alan einen Schrank, woraufhin ihm eine Sammlung Pantoffeln entgegenkam. Das Haus roch alt und er hatte die eigenartige Vorstellung, dass es, seit sein Onkel tot war, einfach nur dagestanden und so lange den Atem angehalten hatte, bis neue Besitzer kamen. Der Gedanke gefiel ihm gar nicht.

Heather hatte das Wohnzimmer immer noch nicht verlassen. Sie stand einfach nur da und schlang die Arme um sich, während sie durch die Glasschiebetüren zum Hinterhof starrte. Dicke Reben teilten das Glas. Die Türen führten zu einer kleinen Betonfläche, die als Terrasse diente. Sie führten in den hinteren Garten und dem dahinterliegenden, dichten Wald. In der Ferne, als wären Dinosaurier aus einem ewigen Schlaf erwacht, ragten die zackigen Gipfel der Great Smoky Mountains empor.

Alan trat hinter Heather und berührte sie an der Schulter. Er spürte, wie sie zusammenzuckte. Ihre Haut war kalt.

»Das ist wohl der Hinterhof, was?«, flüsterte er.

Keine Antwort.

»Das wird uns guttun, Schatz. Wir können das hier als Neuanfang nutzen.« Er küsste ihre Wange. Es war fast so, als berührten seine Lippen eine Wachsfigur.

 

 

 

KAPITEL 2

Zwei Stunden später, als die Möbelpacker endlich fertig waren, sah Alan mit großem Schaudern dem Möbelwagen nach, wie dieser im kühlen Nebel des frühen Abends verschwand. Er zog eine Schachtel Mentholzigaretten aus seiner Gesäßtasche und schüttelte sich einen Glimmstängel heraus. Nachdem er diesen angezündet hatte, inhalierte er tief, sein Kopf kippte vor Ekstase zurück. Letztes Jahr hatte er das Rauchen fünfmal aufgegeben. Jedoch war es ein schreckliches Jahr gewesen.

Scheiß drauf.

Neben seinen Beinen winselte Jerry Lee und setzte sich.

»Lass mir doch meine Angewohnheiten, du verurteilender Bastard«, sagte Alan zu ihm.

Der Hund sah zu ihm hoch, als würde er die Zurechtweisung akzeptieren.

Er war im Begriff sich umzudrehen, als er es sich anders überlegte, denn ein Streifenwagen tauchte auf. Die Lichter waren aus und er hielt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der Motor lief noch, der Auspuff stieß schwarze Rauchschwaden aus.

Alan wartete auf einen aus dem Wagen kletternden Officer, aber es gab keine Regung. Er überquerte den Vorgarten am Rand der Straße, hob seine Hand zum nachbarschaftlichen Gruß und erwartete damit eine Reaktion des Fahrers. Aber dieser reagierte nicht; stattdessen trat er aufs Gaspedal und rollte langsam weg. Als der Wagen gewendet hatte, konnte Alan ein Emblem auf der Tür erkennen, ein goldenes Schild, auf dem GROOM COUNTY SHERIFF geschrieben stand. Alan trat auf die Straße und sah dem Wagen nach. Seine Bremslichter leuchteten kurz auf, als er eine Kreuzung erreichte. Dann bog das Fahrzeug rechts ab und verschwand aus seiner Sicht.

Seltsam. Ich frage mich, was das sollte.

Auf der anderen Straßenseite spielten die Kinder immer noch Baseball. Es ertönte ein Klong, als einer der Jungs den Ball mit dem Schläger traf, woraufhin dieser ein gutes Stück in die Luft flog.

Alan schaute ihm nach. Der Himmel war bedeckt, nur wenig Sonne schien hindurch. Die Kinder schrien, der Läufer war bereits auf der unsichtbaren Baseline. Alan stand unter dem Ball, schob seine Hand durch das T-Shirt, um den Aufprall abzumildern, und fing ihn.

Die Rufe der Kinder erstarben. Selbst der Läufer wurde langsamer, bevor er zwischen der zweiten und der dritten Base stehen blieb.

Alan fühlte sich plötzlich wie ein niedergeschmetterter Komiker auf einer Bühne; es war nur noch das Zirpen der Grillen zu hören. Zweifelsfrei fragten sich die Kinder, wer zur Hölle dieser Fremde war, der Typ in seinem Megadeth-T-Shirt und der Camouflage-BDU-Hose, der eine Zigarette rauchte, unzählige Tattoos trug und unrasiert war. In was hatte er sich da hineingeritten?

»Hey!«, rief einer der Jungs. »Netter Fang, Mister!«

»Danke!« Alan warf den Ball über die Straße.

Der Junge ging in die Hocke und fing ihn mit seinem Handschuh.

»Heißt das, er ist raus?«, fragte einer der anderen Jungs.

»Würde ich sagen, es war etwas mehr als ein Homerun«, meinte Alan.

Der Läufer, ein molliges Kind in einem grauen Sweatshirt und ausgeleierten Jeans, pumpte mit seiner Faust und eilte weiter zu einem übergroßen Weidenkorb, der als dritte Base diente.

Aber eine Außenlinie gab es nicht wirklich.

»Das war eine Behinderung!«, rief der Mittelfeldspieler. »Das zählt nicht! Das war eine Behinderung!«

»Auf keinen Fall!«, entgegnete ein Teamkollege des Läufers.

»Den hättest du in Millionen Jahren nicht gefangen.

War ein automatischer Homerun.«

»Ja«, sagte der Läufer. »Du hast den alten Typen doch gehört.«

Alter Typ, dachte Alan etwas missmutig. Jesus. Wann ist das passiert?

»Noch mal!«, rief der Fänger. »Noch mal!«

Der Läufer stöhnte aus Protest und ließ seine Schultern hängen. Als er zurückging, musterte der Junge ihn von der gegenüberliegenden Straßenseite aus. Eben war Alan noch der Retter gewesen, jetzt sah er ihn an, als hätte er seinen Hund überfahren. »Sie sollten nicht rauchen, Mister«, sagte er. »Schlecht für die Gesundheit.«

Alan nickte, die Frechheit des Jungen hatte ihn ein wenig überrascht. Er überlegte sogar die Zigarette auf den Boden zu werfen und zu zertreten. Mit gutem Beispiel vorangehen und so was, aber dann beschloss er darauf zu pfeifen und sie zu Ende zu rauchen, während er über den Hof ging. »Komm schon, Jerry Lee.«

Der Retriever trippelte ihm hinterher, die Zunge hing ihm dabei raus wie ein Zirkuswimpel.

Das Gras war dicht und grün, Teile davon reichten ihm bis zu den Hüften. Bunte Wildblumen waren überall zu sehen. Jerry Lees erhobener Schwanz ragte aus dem Grün wie die Rückenflosse eines Hais.

Alan ging einige Meter in das Feld, bis sich sein linker Fuß in einem Gewirr aus dichtem Gras verfing. Er zog ihn geräuschvoll los. Mit etwas liebevoller Fürsorge könnte der Hinterhof wieder hübsch aussehen. Er bräuchte einen Rasenmäher, auch wenn er noch nie in seinem Leben einen besessen, geschweige denn bedient hatte. Und vielleicht würde Heather etwas Gemüse im Frühling nahe des Hauses anpflanzen. Tomaten, Spargel, Petersilie, was auch immer. Es war wundervoll, wie unterschiedlich ihre Leben sein würden, jetzt wo sie die Stadt verlassen hatten. Man kann zwar der Stadt entkommen, aber nicht dem, was dort vorgefallen ist, sagte ihm eine Stimme in seinem Kopf. Sie ähnelte erschreckend der seines toten Vaters. Man kann weglaufen, aber die Dunkelheit hat schnelle

Beine und große Flügel und sie wird einem folgen.

Links war ein Rascheln zu hören. Alan blickte auf und war schockiert, als ihn ein Hirsch im Sauerampferton anstarrte. Eigentlich war es ein Reh, denn auf dem Kopf befand sich kein Geweih, und es sah viel größer aus, als er sich diese vorgestellt hatte. Bis jetzt hatte er wilde Rehe nur im Fernsehen oder in Magazinen gesehen. Eine Welt von Unterschieden, von den erkrankten Eichhörnchen, die in den Gassen von Manhattan befindlichen Mülleimern und schwarzen Plastiksäcken nach Nahrung suchten …

»Hey«, sagte er und machte schnalzende Geräusche.

»Hallo, du …«

An seinen Beinen winselte Jerry Lee, sein Kopf war nach vorn gerichtet.

»Feigling«, sagte er zu dem Hund.

Er wagte einen zögerlichen Schritt auf das Wild zu. Außer den typischen, rinderartigen Kieferbewegungen blieb das Tier still. Er riskierte einen weiteren Schritt, doch dann verfing sich sein Schuh wieder in einem Grasgewirr. Es machte ein reißendes Geräusch, als er sein Bein befreite, woraufhin das Reh im Wald verschwand. Zuletzt sah er den weißen Schwanz ’bis bald’ wedeln. Als das Tier davonhuschte, fiel Alan ein dunkler Fleck am Waldrand auf. Er stakste im hohen Gras und erkannte einen Scheideweg zwischen den Bäumen. Ein Trampelpfad schnitt sich durch die Öffnung, und soweit er abschätzen konnte, führte dieser in die Tiefen des Waldes. Wäre der Tag sonniger gewesen, hätte er vermutlich weiter hineinsehen können, aber das Unterholz war zu dicht. Er bildete sich ein, die Gestalt eines Rehs unter einem Lichtbogen zu erkennen, verborgen von den Schatten und Armen der Bäume. Dieser Pfad war von Menschen erschaffen worden, das sah Alan in jenem Moment, in dem er auf die Öffnung zwischen den Bäumen zutrat. Der Boden war von menschlichen Füßen festgetrampelt. Um ihn herum war die Welt ungewöhnlich still. Tannen standen dicht aneinandergereiht, alles war auf natürliche Weise von Außengeräuschen isoliert. Auch die Luft schien anders, irgendwie einengend, bewegungslos. Wie in einem verfluchten Grab, dachte er und korrigierte sich. Wie im Weltraum.

Dann fiel ihm ein Geräusch auf. Aber es brauchte einige Sekunden, bis er erkannte, dass es seine eigene Atmung war. Einen Moment später schien plötzlich alles voller Leben zu sein. Vögel sangen, Insekten summten, Blätter raschelten unter Füßen, oder genauer gesagt unter Pfoten oder Hufen. Weiter vorne bog der Pfad ab, verschwand hinter dicken Blautannen, die praktisch eine Wand bildeten. Der silberne Himmel blieb hinter einem Baldachin aus ineinandergreifenden Ästen verborgen.

Alan drehte sich herum und ging weiter den Pfad entlang. Dabei musste er sich mehrmals wegen herabhängender Äste bücken.

Gute Gelegenheit, um ein Auge zu verlieren, dachte er.

Als er den Punkt erreichte, wo sich der Weg um die Tannen bog, fiel ihm ein weißer Stein auf, der an der Spitze der Abbiegung lag. Dieser war in der Größe eines Fußballs und etwas war darauf eingraviert: ein auf dem Kopf stehendes Dreieck. War es als Richtungsweiser gedacht? Aber der Weg führte doch nur in eine Richtung …

Ein riesiger Vogel schoss kaum einen Meter von ihm entfernt in die Luft. Alan erschrak so sehr, dass er einen Schrei ausstieß und einen Schritt rückwärts taumelte. Er fiel hart auf seinen Hintern. Mit der rechten Seite seines Gesichts schrappte er an einer Baumrinde entlang, was sich anfühlte, als würde jemand mit Sandpapier darüberschmirgeln.

Der Vogel flog spielend leicht durch den BaumkronenBaldachin. Alan hörte ein Kreischen, als das Tier darüber verschwand.

»Hurensohn.«

Er hob eine Hand an sein Gesicht. Seine rechte Wange brannte und fühlte sich doppelt so groß an. Als er die empfindliche Stelle oberhalb seiner rechten Augenbraue berührte, zuckte er zusammen. An seinen Fingern war Blut. Dennoch konnte er nicht anders, als den Kopf zu schütteln und wie ein Depp zu grinsen. Er war ein verdammter Stadtjunge. Was zur Hölle machte er hier draußen am Arsch der Welt in North Carolina?

Alan kehrte zum Haus zurück, Jerry Lee war hinter ihm. Er hoffte, dass das Finden des Erste-Hilfe-Koffers in einem der Badezimmer nicht allzu schwer sein würde. Als er die Eingangstür öffnete, war er überrascht, Gäste vorzufinden.

Heather stand in der Mitte des Wohnzimmers und hielt eine Keramikschale mit Alufolie sowie eine Flasche Wein in der Hand. Neben ihr stand ein hübsches Paar und ein etwa zehnjähriges Mädchen.

»Ach, hey, da ist er ja«, sagte der Mann mit einem breiten Grinsen, das ihm beinahe das Gesicht zerriss. Er streckte Alan seine Hand entgegen. Dieser nahm sie. »Ich bin Hank Gerski. Das sind meine Frau Lydia und meine Tochter Catherine.«

»Alan Hammerstun. Hallo.«

»Grundgütiger«, sagte Lydia. »Was ist mit Ihrem Gesicht passiert?«

Alan griff sich auf die frische Wunde, als ob er sie vergessen hatte. »Ist nichts. Ich hab im Hof nicht aufgepasst.«

»Sieht aus, als hätte Sie irgendeine Dumpfbacke ordentlich erwischt, Partner«, meinte Hank.

»Hier gibt es gewalttätige Bäume.«

Hank lachte. Lydia neigte ihren Kopf und lächelte wie jemand aus einem Ira-Levin-Roman über gruselig perfekte Hausfrauen. Catherine gestikulierte mit ihren Händen vor sich, was einerseits so aussah, als wollte sie Heather berühren, aber andererseits, als wollte sie sie auf Abstand halten.

»Wir haben vorhin Ihren Umzugswagen gesehen und wollten Sie in der Nachbarschaft willkommen heißen«, sagte Lydia. Ihre Stimme klang kreischend, fast vogelartig.

»Es ist schön, neue Nachbarn zu haben«, fügte Hank an und offenbarte Alan ein breites Lächeln. Er war groß, seine Haut gebräunt und die schwarzen Haare, die an der Stirn grau wurden, waren kurz geschnitten. Er trug ein IZOD-Poloshirt, das in einer zu engen Jeans steckte. Eine Spiegelsonnenbrille hing um seinen Hals an einem Nylonband. »Der alte Junge, der hier vorher gelebt hat, war ein echter Geizhals gewesen.«

Alan, der noch nie von einem Erwachsenen das Wort

Geizhals gehört hatte, rang sich ein Lächeln ab und sagte:

»Er war mein Onkel.«

Hank fiel die Kinnlade runter, wie ein Lift, der auf den Boden krachte. »Ach, hey … Jesus …«

Lydia schlug ihren Mann gegen den Arm. »Siehst du? Das passiert, wenn du deinen Mund immer zu weit aufmachst.«

Alan zuckte mit den Schultern. »Keine große Sache. Ich kannte ihn kaum. Eigentlich überrascht es mich, dass er uns dieses Haus hinterlassen hat.«

»Sie haben uns Essen und etwas Wein gebracht«, merkte Heather an.

Der plötzliche Gesprächswandel war wie eine Explosion. Alle drehten sich zu ihr um.

»Ach, ja«, sagte Lydia, die immer noch perfekt lächelte.

»Etwas Thunfischauflauf und eine Flasche Pinot.«

»Oh, vielen Dank«, sagte Alan. »Das ist sehr nett.«

»Wir wollten Sie zum Abendessen einladen«, erzählte Hank, »aber wir wollten Sie am ersten Abend in Ihrem neuen Heim nicht …«

»Wir haben wirklich darüber nachgedacht«, unterbrach Lydia. »Sollen wir sie einladen oder nicht.«

»Sollen wir sie einladen oder nicht«, plapperte Hank sie nach. Es war wie das Ansehen eines Tennismatches.

»Übersiedeln ist eine stressige Sache. Wir wollten nicht noch mehr Chaos stiften. Und es sah aus, als ob Sie noch eine Menge Kartons haben.«

»Ja«, bestätigte Alan.

Lydia griff Heather am Arm. »Vielleicht später in dieser Woche, dann können wir Sie einladen. Wir wohnen direkt auf der anderen Seite der Straße.«

Wunderbar, dachte Alan.

Heather lächelte müde, ihr Blick war auf nichts gerichtet. Es sah aus, als ob eine ihrer Hände leicht zitterte. Alan musste ihr mehr Ativan geben.

»Also, was treiben Sie?«, fragte Hank.

»Ich bin Englischlehrer«, antwortete Alan. »Ich hab einen Job auf der Volkshochschule angenommen. Ich werde im Herbst anfangen.«

»Wow. Professor, was? Das ist ja abgefahren.«

Er nickte nur und dachte: Das ist abgefahren? Was zum Teufel …?

»Oh, hey, große Tattoos«, bemerkte Hank, als ihm die Tätowierungen auf Alans Arm auffielen.

Lydia zog ihren Mann am Ellbogen. »Komm schon.

Lassen wir sie jetzt mal in Ruhe.«

Hank klopfte Alan auf die Schulter, als seine Frau ihn zur Eingangstür zerrte. »Ich werde mich später melden, Alan«, sagte er mit einem Lächeln wie das eines chromfarbenen Kühlergrills von einem tonnenschweren LKW. »Genießen Sie die kitschigen Nachbarschaftsgeheimnisse.«

»Hört sich einladend an«, sagte Alan und täuschte ein Lächeln vor.

Als sie aus der Tür waren, ging Catherine zu Jerry Lee, um ihn am Kopf zu streicheln. Der Hund wich einen Schritt zurück und knurrte eindringlich. Die Hand des Mädchens erstarrte, ihr Blick weitete sich.

Alan ging in die Hocke und strich mit seinen Fingern über den Kopf des Hundes. »Untersteh dich.« Zu Catherine sagte er: »Er ist ein netter Junge, wirklich. Er ist wahrscheinlich nur ein wenig verängstigt, weil er in einem neuen Haus und einer neuen Stadt ist.«

»Wie heißt er?«, fragte Catherine.

»Jerry Lee. Wie der Pianist.«

»Oh«, sagte Catherine, als würde sie diesen persönlich kennen.

»Komm schon«, rief Hank sie. Er und Lydia standen bereits in der Tür, beide sahen Jerry Lee abweisend an.

»Wirklich«, versprach Alan, »er ist ein alter Torfkopf.

Komplett harmlos.«

»Glaub ich Ihnen.« Hank räusperte sich und legte eine Hand um den Hals seiner Tochter. »Nun, jedenfalls wünschen wir Ihnen eine gute Nacht.« Sie gingen.

»Hey«, sagte Alan, als er in die feuchten Augen des Hundes sah. Jerry Lee schien es wieder besser zu gehen.

»Was ist nur in dich gefahren, Kumpel?«

»Er ist vermutlich nur etwas durcheinander wegen der Autofahrt.« Das war das Erste, was Heather zu ihm sagte, ohne dazu aufgefordert zu werden, was eine Ewigkeit her zu sein schien.

»Vermutlich.« Alan ging zu den Fenstern und spähte durch das Gitter aus Reben. »Ich glaube nicht, dass ich je einen älteren Mann das Wort ’kitschig’ habe aussprechen hören.« Er schaute der Gerski-Familie nach, die gerade über die Straße zu ihrem Haus ging. Sie sah wie die perfekte mittelbürgerliche Erwachsen-müsste-man-seinFamilie aus. Na ja, fast perfekt: Ihm fiel auf, dass Hank leicht humpelte.

Als er sich vom Fenster abwandte, war Heather bereits weg.

Bling, verschwunden aus der Existenz.

Er konnte sie in der Küche hören, sie stellte Essen in den Ofen. Alan ging ins Badezimmer und betrachtete dort sein Spiegelbild. Selbst ohne den blauen Fleck auf seiner rechten Wange, die wahrhaftig doppelt so groß angeschwollen war, und die blutige Wunde über seiner Augenbraue war er überrascht zu sehen, wie hager und heruntergekommen er aussah.

Ich denke zu viel darüber nach, sagte er sich. Das war die Wahrheit. Ich denke zu viel darüber nach, und das wird mir noch ein verdammtes Geschwür bescheren, wenn ich so weitermache. Hör endlich auf damit.

Ein Geschwür hatte sich letztes Jahr nach der zweiten Fehlgeburt gebildet. Zu dieser Zeit hatte er es noch als passend betrachtet, weil auch Heather mit ihrem Körper gelitten hatte. Auch wenn es leicht für ihn war, es mit Antazida und Misoprostol zu richten, so konnte das weder die Erinnerungen an die Fehlgeburten nehmen noch das beheben, was bei Heather dazu geführt hatte.

Nachdem Alan eine Menge Umzugskartons durchwühlt hatte, fand er schließlich einen kleinen Erste-Hilfe-Koffer mit einem roten Kreuz auf der Oberseite. Er behandelte die Wunde über der Augenbraue mit Peroxid und biss dabei die Zähne zusammen.

Fünf Minuten später, als er sich etwas besser fühlte und sein Gesicht gereinigt hatte, begab er sich ins Wohnzimmer, wo er Heather auf dem Sofa sitzend vorfand, das immer noch mitten im Raum stand, so wie es die Möbelpacker hinterlassen hatten. Sie starrte auf die leere Wand.

»Liebes«, sagte er. »Bist du hungrig?« Er wartete etwas, bis die Stille unerträglich wurde. Dann ging er in die Küche und öffnete die Weinflasche.

KAPITEL 3

Lange bevor Alan Hammerstun es sich hätte erträumen können, mit seiner Frau im Haus seines Onkels in North Carolina zu wohnen, hatten sie einige Monate damit verbracht, ein Kind zu bekommen. Sie unterhielten sich schon lange darüber, obwohl sie sich beide einig waren, dass es ein wenig zu früh für eine große Familie war.

Heather war im mittleren Westen aufgewachsen, in einer weitläufigen Gegend zum Rennen und Spielen, mit vielen Tieren und Freunden und einer gutbürgerlichen Nachbarschaft an jeder Ecke. Alan jedoch kam aus Manhattan und kannte keine andere Seite des Lebens.

Sie unterhielten sich ein wenig darüber und über das Leben außerhalb der Stadt, zum Wohle ihrer zukünftigen Kinder. Alan hatte darauf gepocht, dass das Stadtleben gut für ihre Nachkommen wäre und berief sich dabei auf die Wichtigkeit des Umgangs mit verschiedenen Arten von Menschen, was außerhalb einer großen Metropole nicht leicht zu erlangen wäre.

Derlei Gespräche verliefen ins Leere, wie auch die von Monat zu Monat erfolglosen Versuche. Jedes Mal, wenn Heather ihre Periode bekam, schwang eine gewisse Schwermut mit, die sie übermannte, aber nie etwas Ernstes war. Zumindest anfangs nicht. Ironischerweise sorgten sie sich nicht wirklich darum. Sie gingen zum Arzt, um kontrollieren zu lassen, ob es ein Problem gab und fanden dabei heraus, dass Heather tatsächlich schwanger und ihre ausgebliebene Periode ein Anzeichen für neues Leben war. Sie machten einen Termin bei einer Frauenärztin, die Heather eine mit Gel eingeschmierte Stange einführte. Schnörkelige, schlecht definierte Formen, wie eine suggestive Anwesenheit von Geistern, erschienen auf dem Ultraschallmonitor.

Schnell kamen die Mamibücher. Aufgeregte Telefonate wurden mit nahen Familienangehörigen und Freunden geführt. Alan kaufte einen Stapel CDs mit klassischer Musik, die sie in einem tragbaren CD-Player rauf und runter spielten, der nachts neben ihrem Bett stand, da sie gehört hatten, dass diese Art von Musik den Fötus schlauer machen sollte.

Dann, nach zwei Monaten Schwangerschaft, setzte sich Heather im Bett auf.

»Alan?«

»Ja?«

»A-Alan, das Baby … Ich glaube …«

»Heather …«

»Ich glaube …«

Unter der Bettdecke berührte sein rechter Fuß etwas Nasses.

Heather schrie, sprang aus dem Bett und rannte ins Badezimmer in ihrer kleinen Wohnung in Manhattan.

Alan sprang ebenfalls auf und schaltete mit der um die Hüfte gewickelten Decke das Licht an. Während er Heather im Badezimmer stöhnen hörte, betrachtete er entsetzt die Matratze. Ein dunkelroter Blutstrich war auf dem weißen Laken zu sehen. In dessen Mitte war etwas, das wie ein kleines Stück schwarzes Gewebe aussah. Alan dachte an eine blutende Nase, die in ein Taschentuch geschnäuzt hatte.

Im Badezimmer lag Heather in fötaler Position am Boden. Die Innenseiten ihrer Oberschenkel waren blutig und dunkelrote Sterne besprenkelten den gelben Linoleumboden.

Es war ein schrecklicher Abend gewesen, der in zwei schreckliche Wochen mündete. Keiner von ihnen wollte über den Vorfall sprechen. Heather machte Überstunden in der Kunstgalerie und Alan vergrub sich in seine Arbeit an der Universität.

Die Zeit verging, die Uhren tickten. Es gab keine Erklärung, solche Dinge passierten eben. Dies war der natürliche Weg von Mutter Natur mit ihren alten Tricks. Wie auch immer, sie würden darüber hinwegkommen und einfach weitermachen. Jedoch gaben sie sich keine Mühe, es beim zweiten Mal härter zu versuchen. Sie ließen den Dingen ihren natürlichen Lauf. Vielleicht, so meinte Alan ab und an, hatte es am Stress gelegen durch den Versuch schwanger zu werden und die Schwangerschaft war deshalb vorzeitig beendet worden. Selbst die Geburtshelferin meinte, dass es daran gelegen haben könnte.

Also gab es nun keinen Stress, keine Anstrengungen mehr, um Dinge geschehen zu lassen, denn sie passierten einfach.

Einige Monate später bemerkte Heather, dass sie wieder schwanger war. Beim Abendessen erzählte sie Alan davon, nachdem sie beim Arzt gewesen war, um es sich bestätigen zu lassen. Alles sah gut aus. Sie waren wieder glücklich. Weitere Telefonate wurden geführt.

Nach einiger Zeit entfernte Alan seinen Schreibtisch und seinen Computer aus dem Ersatzschlafzimmer und strich es in einem neutralen Gelb, da es noch zu früh war, um das Geschlecht des Kindes zu bestimmen.

Heather achtete auf ihr Essen: keine Feinkost, kein Sushi, keine ungekochten Lebensmittel, kein Kaffee. Und obwohl es manchmal schwer war, achtete auch Alan auf seine Ernährung, um sie zu unterstützen. So litten sie gemeinsam an Koffeinentzug.

Abends im Bett dachten sie sich Namen aus. Heather schlug William vor, sollte es ein Junge werden, aber Alan wollte seinen Sohn nicht nach seinem Vater benennen.

»Das Erste war eine Meerjungfrau«, sagte sie ei nes Abends, als sie dabei war einzuschlafen. Er träumte halb von einem Pastellgemälde und großen Seeschiffen, Leuchttürmen und brechenden Wellen. »Woher weißt du das?«, murmelte er.

»Ich weiß es einfach.« Sie drückte in dieser kühlen Nacht ihr Gesicht gegen seines. »Es wird ein Seemann.« Heather behielt das Baby bis ins zweite Trimester, bevor sie an einem Nachmittag in der Kunstgalerie zusammenbrach und rasch ins Krankenhaus gebracht wurde. Alan fand sie kreidebleich und verschlossen im Krankenbett vor. Er sprach zu ihr und wartete auf Antworten, aber es war zwecklos. Sie tat nichts anderes, als die kahlen Wände des Zimmers anzustarren. Ihre Hand zu berühren war so, wie die einer Schaufensterpuppe anzufassen. Eine Krankenschwester hatte Heather Hosen angeordnet, die bereits von Blut vollgesaugt waren. Keiner der Ärzte konnte ihm einen Grund nennen, wieso das geschehen war. Im Gang des Krankenhauses hielt Alan eine der Schwestern auf, die er von einer Visite in Heathers Zimmer wiedererkannte. Sie war eine korpulente schwarze Frau mit Haaren voller Haarspray und neonorangenen

Fingernägeln.

»Ich möchte es sehen«, sagte er.

Die Schwester erwiderte, dass sie ihn nicht verstehen würde.

Alan sprach ruhiger. »Dann werde ich es Ihnen erklären.« Und das tat er. Er wollte und musste es sehen.

»Das machen wir nicht.« Sie schien von dem Gedanken angewidert.

»Dann holen Sie mir jemanden, der es macht«, entgegnete er und wartete.

Andere Krankenschwestern kamen herbei und ein paar von ihnen boten Alan Kaffee an oder meinten, sie würden ihn in die Cafeteria begleiten, wo er etwas essen könnte. Sie versuchten ihn abzulenken, seine Meinung zu ändern. Aber er ließ es nicht zu. Er wollte es sehen.

Schließlich kam ein ergrauter Arzt mit randloser Brille und Haaren, die wie ein Kupferdrahtnest aussahen. Er sprach mit tiefer Stimme. Sein Atem roch nach Zwiebeln. Er verwendete Phrasen wie unorthodox oder dass es das Geschehene auch nicht ändern würde.

»Das weiß ich. Ich bin doch kein Idiot«, entgegnete Alan. »Dennoch möchte ich es sehen.«

Der Doktor nickte. »Dann folgen Sie mir.«

Von dem, was er diesen Nachmittag in einem kleinen Raum am Ende des Ganges zu sehen bekäme, würde er Albträume kriegen. Es war ein sehr steriler Raum. Das, was er sehen wollte, lag in einer durchsichtigen Plastiktüte, vakuumversiegelt und mit einem Symbol für Biogefährdung versehen. Er konnte es erkennen: Zarte Andeutungen von Gliedern, ein unförmiger Schädel, die Spielereien all dessen, was einen Menschen menschlich machte. Ein einzelner Fuß, kleine Zehen, die sich abspreizten, fünf an der Zahl …

Zurück in der Wohnung weigerte sich Heather das Schlafzimmer zu verlassen. Sie kündigte ihren Job und verbrachte einige Tage im Bett, las trashige Liebesromane und sah tagsüber fern, der Ton war dabei aus. Sie weigerte sich zum Abendessen zu kommen und ließ Alan wie eine Gefängniswärterin am Nachtschrank stehen. Zwei Wochen lang schlief er auf einem ausziehbaren Sofa im Wohnzimmer. Ein stechender, glühender Schmerz begann sich an seinen Eingeweiden hochzuarbeiten. Er dachte an nicht spezifizierte Krebsarten und ausgehungerte Bandwürmer sowie an afrikanische Waisen mit aufgeblähten Bäuchen, deren Gesichter als Bankett für fleischhungrige Fliegen dienten. Er dachte auch an explodierende Feuerwerke und blutigen Stuhl. Halbträume.

Alan schlich den Flur entlang zum Badezimmer. Talgfarbenes Licht drang unter der Tür hindurch. Vorsichtig klopfte er an. »Heather?«

Keine Antwort. Es klang, als ob jemand Maracas auf der anderen Seite der Tür spielte.

»Heather? Liebes?« Die Maracas stoppten.

Alan griff nach dem Knauf. Die Tür war offen. Er schob sie auf …

Heather saß nackt auf dem Rand der Badewanne, ihre Hände zwischen ihren Knien, in denen sie ein Pillendöschen hielt. Sie klapperten durch ihre zittrigen Hände: der Klang der Maracas. Sie sah zu ihm auf, ihr Gesicht war fleckig und undeutlich, ihre Augen ein Chaos in ihren Höhlen. Ihre Unterlippe bebte leicht.

Er eilte zu ihr und ging auf die Knie, während er ihren Kopf mit beiden Händen hielt. Das Döschen fiel auf den Boden und rollte gegen die Toilette. Er schluchzte in ihre Haare. »Oh Gott, Liebes …«

»Ich habe keine genommen«, meinte Heather, ihre Stimme klang beinahe leblos. Ihre Augen konnten ihn nicht fixieren, konnten nichts erfassen. »Ich hatte es in Erwägung gezogen, habe es aber gelassen.«

»Schhh«, hauchte Alan in ihre Haare und wippte Heather sanft. »Schhh, Babe. Schhh.«

Am nächsten Morgen ging es ihr gut. Sie nahm sogar ihren alten Job in der Kunstgalerie wieder auf. Einfach so. Als wäre alles nur ein Traum gewesen.

Da der stechende Schmerz in Alans Eingeweiden nicht besser wurde, suchte er einen Arzt auf, der ein Geschwür diagnostizierte. Ihm wurden Misoprostol und Antazida verordnet. Er sollte nicht mehr trinken und rauchen, auch Stress sollte er vermeiden. Es wäre zudem gut, wenn er sich Urlaub nähme. Alan konnte nur grinsen und dem Arzt versichern, dass er versuchen würde, sich zu entspannen. Als er das Misoprostol aus der Apotheke holte, las er auf dem Plastikdöschen in Großbuchstaben: NICHT FÜR SCHWANGERE GEEIGNET. Als er wie ein Irrer zu lachen begann, sah ihn die Apothekerin an, als wäre er verrückt. Mit dem Medikament zur Heilung seines Geschwürs und Heathers Spurwechsel schien der Albtraum hinter ihm zu liegen. Doch um auf Nummer sicher zu gehen, sammelte Alan alle Pillen im Badezimmer ein, darunter auch Heathers Antidepressivum und eine alte Tube Tylenol.

Er versteckte die Sachen im Wandschrank im Flur hinter den Handtüchern.

Die Ärzte fanden nichts physisch Auffälliges, bei keinem von beiden, also gab es auch keinen Grund, nicht noch mal zu versuchen, Kinder zu haben. Dass ein Fötus den Körper verließ, konnte alle möglichen Gründe haben, das war ihnen Dutzende Male gesagt worden, und auf lange Sicht war es in der Regel das Beste. Mutter Natur richtet sich selbst, hatte ein Arzt mal gesagt. Alan und Heather hatten einander zugemurmelt: Mutter Natur ist eine Schlampe. Mutter Natur tut nie etwas für niemanden. Daraufhin hatte ihr Gelächter die Wohnung erfüllt.

Sie gingen zum Dinner und ins Kino, lasen Bücher im Central Park und besuchten ihre Lieblingscafés zum Sonntagsbrunch. Bis Alan mitgeteilt wurde, dass Onkel Philipp verstorben war und er ein altes Haus geerbt hatte, hatten Heather und er es nie in Erwägung gezogen, die Stadt zu verlassen und ins ländliche North Carolina zu ziehen. In Wahrheit war er äußerst überrascht gewesen, dass sich sein Onkel an ihn erinnert hatte, trotz der wenigen Male, die sie sich gesehen hatten. Er hatte zwei erwachsene Kinder, Maryanne und Keith, die die geeigneteren Erben für das Grundstück gewesen wären.

In der Bemühung das Richtige zu tun, versuchte Alan beide Cousins aufzuspüren, eine Aufgabe, die sich gelinde gesagt als schwierig herausstellte, doch schlussendlich gelang es ihm Keith auf Rhode Island zu finden. Er sprach ihm über das Telefon sein Beileid aus, woraufhin sein Cousin zu schnaufen und zu schluchzen begann, was für Alan durch die Leitung wie das Grunzen eines Schweins klang. Es lag eine eiskalte und distanzierte Stimmung zwischen ihnen. Diese wuchs noch, als Alan das Haus ansprach. Natürlich wusste Keith bereits, dass er es geerbt hatte.

»Ich weiß nicht genau, warum er es mir überlassen hat«, gestand er. »Es fällt mir schwer zu glauben, dass er sich an mich erinnert hat. Ich wollte nachfragen, ob du es haben möchtest. Ich habe keine Verwendung für ein Haus in North Carolina.«

»Dann verkauf es.«

»Was ist mit Maryanne? Denkst du, sie hätte ein Interesse …?«

»Sie ist vor zehn Jahren nach England ausgewandert. Ich habe kaum mehr etwas von ihr gehört. Sie hat kein Interesse an diesem alten Ort. Glaub mir.«

Als Alan auflegte, fühlte er sich, als bräuchte er eine Dusche. Die Unterhaltung mit seinem Cousin hatte ein schmutziges Gefühl hinterlassen.

»Ich schätze, ich werde einen Ausflug dorthin machen und mir alles ansehen«, sagte er eines Morgens beim Frühstück zu Heather. »Du weißt schon, bevor wir es verkaufen.«

In einer Nacht wurde Alan von einem Albtraum wachgerüttelt, an dessen Details er sich nicht erinnern konnte, als er im Bett saß. Heathers Bettseite war leer. Er schaute in den Flur. Ein silberner Strahl drang unter der geschlossenen Badezimmertür hindurch. Sein Herz begann zu rasen. Er versuchte sich zu beruhigen.

Glaube, sie ist pinkeln. Beruhig dich.

Er wartete. Und wartete.

Babe?«, rief er. Keine Antwort.

Er zog die Bettdecke beiseite, eilte in den Flur und drehte den Knauf zum Badezimmer. Abgesperrt.

»Heather!«

Er rammte mit einer Schulter gegen die Tür. Der Rahmen splitterte. Er stolperte ins Badezimmer und erstarrte, als er Heather in der Wanne liegen sah, umgeben von rosafarbenem Wasser. Ein Rasiermesser lag in einer Seifenschale. Ihr Blick wanderte in seine Richtung. Er konnte sehen, wie das Leben langsam aus ihr wich.

Er stürmte zu ihr und zog sie aus der Wanne. Ihre Handgelenke zu überprüfen war wie ein Albtraum. Er wickelte ihre Arme in Handtücher und wählte den Notruf. Zweimal wäre sie fast ohnmächtig geworden, aber er schlug ihr ins Gesicht, woraufhin sie wieder die Augen öffnete. Du hast mich betrogen, dachte er. Du hast mich in dem Glauben gelassen, dass alles in Ordnung sei, damit ich nicht mehr so auf dich achte. Und du hast wieder versucht mich zu verlassen.

Er schluchzte wie ein Baby in ihre Haare, als die Sanitäter zur Tür hereinkamen.

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