Streiche, Unfug und Chaos

Streiche, Unfug und Chaos

Daniel I. Russell

Übersetzt von Torsten Scheib

Den ganzen Tag über hatten ihre Eltern Serenity das Gegenteil verkündet – sehr zu deren Vergnügen. Doch niemals würden sie mit ihr auf den Jahrmarkt gehen. Ein weiteres falsches Versprechen, das sie nur dazu benutzt hatten, damit sie ihr Zimmer aufräumte. Jetzt, als sie dem Ziel immer näher kamen, ließen die tanzenden Lichter, die Orgelklänge und der Duft von buttrigem Popcorn und dampfenden Burgern ihr Herz schneller schlagen.

Serenity Hope hatte den Jahrmarkt erreicht.

Rechter Hand strahlte ihr Vater Nüchternheit aus. Die Blitzlichter spiegelten sich auf seinen Brillengläsern. Seine zusammengebundene Ponyfrisur bedeckte die Hälfte seines Nackens.

»Ich wusste, dass dies kein guter Einfall war«, bemerkte er, dabei warf er seiner Frau einen besorgten Seitenblick zu. Ein Rosenkranz baumelte an seinem Hals und lag auf seinem losen weißen Hemd. »Schau dir nur mal den Pöbel an. Die werden uns bestimmt Ärger machen.«

»Komm schon, John. Du hattest es Serenity versprochen. Wir sind hier, um ein wenig Spaß zu haben, und den lassen wir uns sicher nicht von ein paar Teenagern vermiesen.« Eine weiße Blume spähte zwischen den blonden Locken von Serenitys Mutter hervor. Ihr Blattmuster-Kleid verlief bis hinab zu den in Sandalen steckenden Füßen. »Obwohl es besser gewesen wäre, wenn wir früher hergekommen wären.«

»Oder noch besser überhaupt nicht. Dafür soll die halbstündige Fahrt nach Bunbury draufgegangen sein? Guck sie dir ruhig an. Diese Rowdys schnüffeln doch samt und sonders Crack!«

Serenitys Mutter rümpfte die Nase.

»Wie furchtbar! Und außerdem schnüffelt man Crack nicht – man raucht es.«

»Bitte? Seit wann kennst ausgerechnet du dich damit aus?«

»Entspann dich einfach, John. Die Göttin wird uns schon beschützen.«

Sie kamen an die ersten Ausläufer des Jahrmarkts. Unter ihren Füßen spürten sie Abfälle jeglicher Art, als sie sich zwischen lauten, staubbedeckten Generatoren hindurchzwängten. Links von Serenity zog eine Berg- und Talbahn ihre Kreise. Das vergnügte Kreischen der Fahrgäste wurde nahezu vollständig von hämmernden Dance-Klängen übertönt.

»Wollt ihr es noch schneller?«, schrie der Betreiber in sein Mikrofon. Serenity hörte jemanden Nein sagen. Ein fetter Typ, der auf den Stufen stand, zwinkerte ihr zu, während er seine Kippe austrat.

Serenity verstärkte den Griff um die Hand ihres Vaters.

»Schau dir das nur an, Angela.« Ihr Vater zeigte auf diverse, reichlich halsbrecherisch anmutende Fahrgeschäfte. »Das sind Todesfallen. Und so eine willst du doch wohl nicht ernsthaft besteigen, oder?«

»Atme mal tief durch«, entgegnete ihre Mutter. »Gehe an deinen Ort des Friedens und schenke der Göttin deine Verehrung. Danach kehrst du zurück. Ruhig und gefasst. Diese Fahrgeschäfte sind kein Muss. Garantiert werden wir auch etwas Harmloseres für Serenity finden.«

Jene harmlose Fahrt entpuppte sich als Kindereisenbahn. Als Serenity in einen der Wagen kletterte, entdeckte sie einen aufgemalten Winnie Puh an dessen Seite. Sie winkte ihren Eltern zu.

Ihre Mutter erwiderte die Geste, wohingegen ihr Vater sie scheinbar nicht bemerkt hatte. Unruhig und mit vor der Brust verschränkten Armen schaute er sich um.

Ein Mann näherte sich, um den Dollar einzusammeln, den die Fahrt kostete. Serenity überreichte ihm die scheinende Münze, die sie von ihrer Mutter bekommen hatte. Sie war froh, als er wieder weitergegangen war. Zahnlos verströmte er den Geruch von altem Schweiß. Kurz darauf setzte sich die Eisenbahn in Bewegung – wenn auch in einem Schneckentempo.

»Hat’s dir gefallen, Schätzchen?«, fragte ihre Mutter, nachdem die Fahrt zu Ende und sie aus ihrem Wagen gesprungen war.

»Es war … ganz gut«, antwortete sie – und gähnte.

»Wir hätten früher losfahren sollen«, bemerkte ihr Vater. »Ich wusste es. Sie ist müde. Gehen wir nach Hause.«

Serenitys Mutter runzelte die Stirn.

»Möchtest du wirklich nach Hause?«

Serenity betrachtete die Umgebung. Eine Gruppe Jugendlicher gab untereinander eine Zigarette weiter. Gleich neben der Berg- und Talbahn erbrach sich ein Mann auf der angrenzenden Grasfläche. Der Wind trug den Gestank des orangeschimmernden Erbrochenen zu ihr rüber.

»Ja«, antwortete sie leise. »Ich möchte jetzt nach Hause fahren.«

Ihr Vater nahm ihre Hand und setzte sich in Bewegung.

»Gut«, sagte er. »Und nachher erzähle ich dir noch eine Gutenacht-Geschichte. Von der Göttin. Und deine Mutter macht dir die neue Puppe fertig. Klingt das gut?«

Serenity nickte. Sie mochte Geschichten von der Göttin, und wenn die Puppe fertig war, dann würde sie auch endlich den ganzen Satz komplett haben …

»Ich bitte Sie, werter Herr!«, ertönte eine eindringliche Stimme. »Ich weiß doch, dass Sie es möchten!«

»Haben Sie vielen Dank, aber nein«, entgegnete der Angesprochene. »Komm mit, Angela.«

»Sie können doch unmöglich ein so liebreizendes kleines Mädchen mit leeren Händen von hier gehen lassen!«, meldete sich eine anderer zu Wort. Sie klang weichherziger, als auch ein wenig klebrig. Als wären die Lungen des Sprechers randvoll mit Sirup gefüllt.

»Ich verstehe Sie natürlich«, erwiderte der Vater ungeduldig. »Damit verdienen Sie sich Ihren Lebensunterhalt. Aber wir müssen trotzdem los.«

Serenity spähte zur Seite.

Sie passierten eine kleine hölzerne Schaubude, dessen grelle Aufschrift die Worte STREICHE, UNFUG UND CHAOS verkündete. Zwei breit grinsende Clowns flankierten die Bude. Der erste – groß gewachsen samt verschlissenem Anzug – tippte gegen die Spitze seines ramponierten Huts. Strähniges schwarzes Haar lugte daraus hervor. Sein Gesicht war weiß angemalt, seine Nase knallrot. Auf dem Schild an seinem Anzug stand STREICH.

Sein knochiger Partner trug ein ziemlich enges Flickenhemd, Schlapphosen und dieselbe Bemalung. Seine Mähne teilte sich in drei blutrote Stacheln auf, die gemeinsam ein Dreieck formten. Zwischen seinen Zähnen steckte eine Pfeife. Auf seiner Plakette stand UNFUG.

Die Regale hinter den beiden waren angefüllt mit zahllosen bunten Töpfen, die in Pyramidenform aufgestellt waren. Stofftiere verzierten beide Seiten der Bude.

»Komm schon, John«, bedrängte Angela Serenitys Vater und verpasste ihm einen sanften Ellbogenstoß. »Das wird bestimmt lustig. Wie viel?«

»Angela!«

»Läppische fünf Dollar, Madam«, verkündete Unfug, bevor er seine Pfeife herausnahm und auf den Boden spie.

Fasziniert sah Serenity die beiden Clowns an.

»Treffen Sie – gewinnen Sie!« Streich langte hinter den Tresen und präsentierte einen blauen Ball, den er prompt zwischen seinen Händen hin und her warf.

»Komm mach schon, John!« Doch es gelang Serenitys Mutter nicht, auch nur ein Fünkchen Enthusiasmus in ihrem Mann zu entfachen. »Und gleich danach gehen wir.«

»Fünf Dollar? Das ist der ganze Krempel nicht mal ansatzweise wert«, moserte Serenitys Vater, als er seine Taschen durchstöberte und schließlich einen zerknitterten Schein auf den Tresen knallte.

»Bitte sehr«, sagte er und ließ sich von Streich den Ball geben. »Und weshalb ich mich eigentlich ärgere, ist mir vollkommen schleierhaft. Jeder weiß doch, dass es bei solchen Attraktionen nicht mit rechten Dingen zugeht.«

»Komm schon, Daddy!«, rief Serenity und zog an seinem Hosenbein. »Ich möchte ein Spielzeug haben!«

»Davon hast du ja reichlich und außerdem bekommen wir von der Göttin mehr als genug. Findest du nicht auch, Schätzchen?« Ihr Vater blickte Serenity über den Rand seiner Brille an.

»Ja«, antwortete Serenity mit fester Stimme. Die Göttin versorgte sie in der Tat ausreichend – doch nichtsdestotrotz hatte sie ein Auge auf einen der Teddybären geworfen.

»Also dann«, sagte ihr Vater.

Halbherzig warf er den Ball, der einen eleganten Bogen beschrieb, aber dennoch sein Ziel traf. Vom resultierenden Scheppern begleitet, drehte er sich um.

»Ein Gewinner!«, rief Unfug.

»Liebling! Du hast es geschafft!«

Serenitys Vater schüttelte ungläubig den Kopf. »Nein. Ausgeschlossen.«

»Hurra, Daddy!«, jubelte Serenity und klatschte.

Streich beugte sich über den Tresen und starrte auf sie herab. »Welches Spielzeug darf es denn sein, meine Süße?«

»Den da! Den da!«, stieß Serenity hervor und deutete auf den Bären.

Der Clown schüttelte den Kopf.

»Den kann ich dir leider nicht geben«, verkündete er, weiterhin grinsend.

»Nein?«, fragte Serenity mit weit aufgerissenen Augen.

»Nein, nein, nein«, sagte Unfug, der sich ebenfalls über den Tresen beugte. Serenity roch den faulen Gestank des Pfeifenrauchs. »Weißt du, dein Daddy hat alle Dosen getroffen. Deshalb erhältst du auch den Hauptpreis.«

Streich verschwand unter der Theke und tauchte schließlich mit einem lang gezogenen Seufzer wieder auf. In seinen Armen hielt er einen weitaus größeren Teddybär – den größten, den Serenity jemals zu Gesicht bekommen hatte.

»Für Sie, werter Herr«, wandte sich Streich an ihren Vater.

»Passen Sie aber auf, der Mistkerl ist nicht gerade leicht.«

Mit verdrehten Augen streckte Serenitys Vater beide Hände aus. Der Clown überreichte ihm den Bären – und erhielt im Gegenzug ein strapaziöses Stöhnen.

»John?«

»Alles bestens, Liebling«, sagte dieser. »Er hat Recht – das Ding ist schwer.«

»Ein Zeichen von Qualität!«, rief Unfug. »Anders als bei der billigen Scheiße, die sonst angeboten wird.«

»Pass gefälligst auf deine Sprache auf«, ermahnte ihn Streich. »Hier sind schließlich Kinder anwesend, Arschloch!«

Begleitet von neuerlichem Gestöhne, verlagerte Serenitys Vater den Bären. Fast schien es, als würde er ihn umarmen.

Eine Bärenumarmung, dachte Serenity und musste kichern. Ich kann’s nicht abwarten, bis wir wieder zu Hause sind!

»Können wir jetzt?«, wollte ihr Vater wissen. Die Anstrengung zeichnete sich deutlich in seinem Gesicht ab.

Ihre Mutter nickte. »Gute Nacht, Gentlemen.«

»Einen schönen Abend noch, Leute.« Unfug winkte ihnen nach. »Und beehren Sie uns recht bald wieder!«

***

»… und so versprach die Göttin ihren Dienern die Unsterblichkeit – weil sie ihr gutes Werk verrichteten. Ist das nicht wunderbar?«

Serenity spähte unter den Bettlaken hervor und nickte.

»Und sollten es die Sünder jemals wagen, so wird die Göttin unsere Seelen in wunderschöne Geschöpfe verwandeln, die ewig leben.«

Ihr Vater, der am Bettrand Platz genommen hatte, schloss das Buch, erhob sich und stellte es wieder zurück ins Regal. Dafür musste er sich über den Berg aus Kuscheltieren beugen, der beinahe schon gegen die Decke stieß. Am Liebsten waren Serenity die beiden Stoffpuppen. Ihre Mutter hatte sie gemacht. Auf zwei kleinen Plastikschaukelstühlen thronten sie in einer Ecke. Die eine hatte langes schwarzes Haar und eine winzige Brille – eine Verkörperung ihres Vaters –, während die andere blonde Locken besaß sowie ein Blumenkleid – ihre Mutter.

Ihr Vater kehrte vom Bücherregal zurück. »Und du willst ihn auch wirklich dort stehen lassen, mein Schatz?«

Ihr neuer Teddy hatte direkt neben ihr auf dem Bett einen Platz gefunden. Sein Rücken schmiegte sich gegen die Wand.

»Ja, Daddy. Ich liebe ihn. Ich liebe meinen neuen Bär!«

»Wäre er nicht besser aufgehoben bei den anderen?« Ihr Vater hob eine Augenbraue.

»Nein. So ist es am besten.«

»Wie du willst.«

Ihre Mutter erschien an der Tür. Sie trug ein wallendes weißes Nachtkleid. Unter ihrem Arm – eine schlaffe Gestalt.

»Mummy!«, rief Serenity vergnügt. »Ist sie fertig?«

Ihre Mutter nickte lächelnd und präsentierte ihr die neue Stoffpuppe.

Augenblicklich erkannte Serenity ihr eigenes Ebenbild. Die Puppe trug eine Replik ihres roten Lieblingsshirts und ihrer Lieblingsjeans. Ihr Haar, Strähnen aus leuchtend gelber Wolle, hing über zwei blauen Knopfaugen.

»Mummy, die ist spitze!«

»Möchtest du, dass ich sie zu den anderen beiden Puppen setze?«

»Ja. Bitte.«

Ihre Mutter passierte das Zimmer und platzierte die Puppe auf den Teppich – direkt zwischen den beiden anderen. Die kleine Stofffamilie war somit komplett. Sie trat einen Schritt zurück und bewunderte ihre Arbeiten.

»Ganz große Klasse, Liebling.« Serenitys Vater beugte sich vor und küsste die Stirn ihrer Mutter. Dann sah er zu Serenity. »Soll ich den Bär auch ganz sicher nicht zu den anderen legen?«

Serenity schüttelte den Kopf.

»Lass gut sein, John«, bemerkte ihre Mutter. »Es wird schon nichts passieren.«

»Ich will ja nur nicht, dass er mitten in der Nacht auf sie fällt und erstickt«, verteidigte sich ihr Vater. »Weiter nichts. Das Ding wiegt eine Tonne.«

»Komm endlich, du griesgrämiger alter Knilch.« Schmunzelnd ergriff Serenitys Mutter seine Hand und zog ihn mit sich. »Und vergiss deine Gebete an die Göttin nicht, bevor du zu Bett gehst.«

»Und auch nicht das Zähneputzen!«, ergänzte ihr Vater.

***

Serenity schmeckte Minze, als ihre Zunge über die Zähne glitt. Sie trat aus dem Badezimmer. Auf ihrem Weg den Flur hinab, passierte sie auch unweigerlich das elterliche Schlafzimmer. Ihre Eltern knieten am Fuße des Bettes, die Hände hoch erhoben. Jetzt, da sie ihre Gebete sprachen, wäre es ein ungünstiger Zeitpunkt gewesen, die beiden zu stören. Also hastete sie zurück zu ihrem Zimmer, um gleich ihrerseits die Gebete an die Göttin aufzusagen, bevor sie sich schlafen legte. Das Bein des Teddybären hätte sie um ein Haar zu Fall gebracht. Statt auf dem Bett hockte er nun kerzengerade daneben auf dem Fußboden. Den Kopf schief gelegt, starrten seine dunklen Glasaugen die Wand an. Die Maschen in seinen Mundwinkeln verliehen ihm einen glücklich-strahlenden Ausdruck.

Er hat ganz genau gewusst, dass ich ihn neben mir auf dem Bett haben wollte. Und jetzt hat er ihn dort hingestellt.

»Daddy …«, jammerte Serenity.

Vorsichtig trat sie über die beiden Schenkel des Riesenbären, zog die Decke zurück, schlüpfte in ihr Bett und drehte sich zur Seite, um ihre Stoffpuppenfamilie bewundern zu können. Einen Augenblick später sagte sie ihre Gebete auf.

Sie hatte noch längst nicht alle gesprochen, als ihr schon die Augen zufielen.

***

Serenitys Lider flimmerten – dann öffneten sie sich. Das Erste, was sie sah, war die dunkle Decke direkt über ihr.

Etwas hatte sie aus den Tentakeln ihres Albtraums entrissen. Sie war wieder auf dem Jahrmarkt gewesen; an Bord der Kindereisenbahn. Schneller und schneller war sie geworden, ehe sämtliche Lichtpunkte verschwommen waren. Von blanker Panik getrieben, hatte sie schließlich ihren Kopf aus dem glaslosen Fenster gestreckt, um nachsehen zu können, wer die Eisenbahn fuhr. Vorne, im Abteil des Zugführers, hatte sie zwei breit grinsende Stoffpuppen erblickt. Clowns. Die eine war Streich, die andere Unfug.

»Treffen Sie – gewinnen Sie!« hatte die Streich-Puppe fröhlich verkündet.

Und dann war Serenity aufgewacht. Doch waren daran weder der Traum, ihr pochendes Herz oder die nur ganz allmählich verhallenden Schreie des Clowns schuld daran.

Da ist jemand auf dem Klo. Vielleicht bin ich davon wach geworden.

In den kommenden Minuten rührte sie sich nicht. Das Unbehagen aber blieb. Wenn jemand auf der Toilette war, wo war dann das Geräusch der Spülung? Ihr Dad nahm es ziemlich genau, wenn es um die Toilettensitten ging. Er mochte keine ungewollten Präsente und bestand deshalb darauf, dass immer abgezogen wurde. Tag oder Nacht. Groß oder Klein. Ausnahmslos.

Serenity warf die Decken beiseite und schwang sich aus dem Bett. Auf Zehenspitzen trippelte sie zur Ecke hinüber und schnappte sich ihre neue Stoffpuppe. So schnell sie konnte, kehrte sie zurück, schlug sich die Decken über ihren Kopf und wartete ab. Das einzige Geräusch kam von ihren eigenen, stockenden Atemzügen.

Kurz darauf löste sie sich aus ihrem Versteck in der völligen Finsternis. Unter den Decken war die Luft stickig geworden. Sie stieß den Kopf hervor; die Puppe eng umschlungen. Sie schloss die Augen und erinnerte sich, was sie von ihrem Vater gelernt hatte.

Die Göttin ist bei mir. Kein Leid wird mir zustoßen. Sie wird mich schützen. Sie lässt den Tod ihrer Diener nicht zu …

Der Schrei beendete ihre hitzigen Gebete mit der Vehemenz einer vorpreschenden Axt.

Ihr Griff um die Puppe verstärkte sich. So sehr, dass ihre Knöchel zu schmerzen anfingen. Gerade als sie wieder unter den Decken verschwinden wollte, hielt Serenity inne. Trotz der kaum vorhandenen Helligkeit konnte sie die Gesichter der Eltern-Puppen erkennen. Ihre Knopfaugen beobachteten sie.

Sie schluckte.

»Die Göttin ist bei mir …«, wisperte sie.

Erneut verließ sie ihr Bett. Die Puppe blieb dort. Unter ihren nackten Füßen spürte sie die schwammig-weiche Beschaffenheit des Teppichbodens. An der Tür angekommen, zögerte sie und blickte zurück.

Da stimmt was nicht.

Der Teddybär.

Rasch überflog sie ihr Zimmer; auf der Suche nach einem Hinweis, einer Spur.

Der Bär war verschwunden.

Erleichtert seufzte sie auf.

Daddy muss ihn mitgenommen haben. Mummy ist aufgewacht, hat ihn gesehen und deshalb geschrien.

Die Vorstellung, dass ihre Mutter eine Heidenangst vor einem Teddy haben könnte, zauberte ein Lächeln in ihr Gesicht. Sie beschloss, bei ihren Eltern nachzuschauen. Manchmal ließen sie es zu, dass sie in deren Bett schlafen konnte, und sollte der böse Traum erneut wiederkehren, so wäre sie lieber bei ihnen als hier.

Der Flur erschien ihr noch dunkler als ihr eigenes Zimmer. Die Finger ihrer ausgestreckten Hand berührten die kalte, glatte Struktur der Wand, die sie als ihren Wegweiser erkor, um unbeschadet zum Schlafzimmer ihrer Eltern zu gelangen.

Vor der geöffneten Tür zögerte Serenity.

Sie konnte Bewegungen hören und etwas, das nach einem knappen Gurgeln klang. Sie war schon einmal ohne Vorankündigung in das Schlafzimmer ihrer Eltern gestürmt – und hatte sie nackt und miteinander ringend angetroffen. Damals war sie überzeugt, dass ihr Daddy Mummy angegriffen und sie aufgrund dessen so gestöhnt hatte. Beide waren wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen, nachdem sie sie bemerkt hatten, und obgleich Mummy nicht verletzt war, waren sie beide ziemlich wütend gewesen.

Mit jener Erinnerung vor Augen öffnete Serenity die Tür ein weiteres Stück. Zaghaft spähte sie ins Innere.

Die Vorhänge rechter Hand waren ein Stück weit zurückgezogen. Ihre Eltern lagen im Bett. Das hereinfallende Mondlicht überzog sie mit einem matten Glanz.

Der Bär hockte auf ihrer Mutter. Seine flauschige Pranke hielt ein triefendes Messer umschlungen. Die Klinge schimmerte im Mondschein, bevor sie nach unten gestoßen wurde.

Ein feuchtes Husten entkam Serenitys Mutter. Sie zuckte; brachte den Bär um ein Haar zu Fall.

Serenity presste beide Hände gegen den Mund, um nicht lauthals loszuschreien.

Der Teddybär zog die Klinge aus seinem Opfer, beugte sich vor und stach ein weiteres Mal rücksichtslos zu. Im Licht schien der Messergriff sie anzublinzeln, während es vorgestoßen und wieder herausgezogen wurde. Vor und wieder zurück. Blutspritzer schossen aus dem Körper heraus und überzogen das Antlitz des Bären, der sich krümmte und umherwälzte, weiterhin mit dem Messer zustoßend, ehe es ein allerletztes Mal hart nach unten gerammt wurde.

Der Bär rang nach Atem, als er sich zurücklehnte.

Ihr Vater lag gleich daneben; inmitten einer dunklen Lache, die längst das einstmals weiße Bettlaken vollgesogen hatte. Seine Brille und das Gebetsbuch waren in unmittelbarer Nähe; abgelegt auf dem angrenzenden Nachttisch. Beide waren mit dunklen Spritzern übersät.

Serenity wandte sich ab und rannte in ihr Zimmer zurück.

Sie ließ die Tür offen; sprang direkt auf ihr Bett, packte sich die Decken … und erstarrte.

Das Quietschen einer Tür hallte den Flur entlang.

Serenity warf die Decken wieder beiseite. Verzweifelt suchte sie nach einer besseren Versteckmöglichkeit, bevor sie zu ihrem Kuscheltierhaufen hinübertrippelte und sich so weit, wie nur irgend möglich darin vergrub; die Plüschgefährten dabei hinter sich wieder aufstapelnd. Mit angehaltenem Atem starrte sie zwischen zwei Puppengliedern ins Freie.

Eine kompakte Figur erschien an der Türschwelle: kurze Ohren und mit einem Messer in der fingerlosen Hand. Die Füße des Bären gaben kein Geräusch von sich, als er das Zimmer betrat.

Langsam gelangte er tiefer in den Raum. Das angedeutete Grinsen war noch immer präsent. Die zickzackförmigen Stiche sahen jetzt aus wie ein Raubtiergebiss. Auf der schwarzen Nase klebte feuchtes Blut, ebenso auf der verfilzten Front.

Der Teddybär sah sich um. Schwarze, unbewegliche Augen musterten die Umgebung.

Serenitys Körper versteifte sich.

Der Bär erreichte das Bett. Mit schräggestelltem Kopf betrachtete er sich den formlosen Hügel unter dem Laken, die helle Wolle, die hervorstach. Schließlich hob er die Pfote – als wolle er sich am Kinn kratzen.

Serenity schloss die Augen. In ihrem Verstand ertönte eine wahre Tirade von Gebeten.

Daddy hat gesagt, dass die Göttin nicht zulässt, wenn ihre Diener sterben! Sie wird mich beschützen!

So wie sie Mummy und Daddy beschützt hat?

Nein!

Serenity schlug die feuchten Augen auf.

Der Bär war verschwunden.

Sie schloss die Augen wieder; lauschte dem hämmernden Puls in ihren Ohren.

Irgendwo knarrte eine lose Bodendiele. Der Bär war auf dem Weg nach unten.

Serenity entwich ein zittriger Atemzug. Sie strich sich über das verschwitzte Gesicht. Mehrere Spielsachen lösten sich, fielen zu Boden. Sie wollte hier bleiben; gut versteckt inmitten ihres eigenen Spielzeugkokons; zwischen all den Sachen, die ihr Mummy und Daddy im Verlaufe der Jahre gekauft hatten.

Ärgere dich nicht, Schätzchen, konnte sie ihre Mutter sagen hören.

Ja, Serenity, sagte ihr Vater. Selbst in ihren Gedanken klang er nüchtern und ernst. Denk dran, was wir besprochen haben. Wir sind alle Kinder der Göttin – schon vergessen?

»Ja«, wisperte Serenity. »Und sie lässt uns nicht sterben.«

***

Der Wagen raste mit einem Tempo über die Landstraße, das eigentlich nur für jene reserviert war, die es für erstrebenswert hielten, sich mit gefährlichen Kurven und engen Abschnitten anzulegen. Den Fahrer kümmerte es wenig – schließlich war die Karre gestohlen. Hart trat er auf die Bremse und steuerte nach links.

Der Wagen geriet leicht ins Schleudern, ehe die Reifen erneut festen Untergrund fanden und griffen.

»Himmel, könntest du wenigstens etwas langsamer fahren? Die Kurve eben hätte fast meine Pfeife gelyncht, verdammt!«

Streich, die Augen stur auf den Asphalt gerichtet, grinste nur.

»Solltest eh damit aufhören. Ist gesundheitsschädigend.«

»So wie mit dir in einer Karre zu hocken, Arschloch.«

Unfug hielt sich zurück. Befingerte einen roten Haarstachel und sah den Waldrand an seinem Fenster vorbeirauschen. Die Überbleibsel der heutigen Bemalung klebten noch immer in ihren Gesichtern – verblichen, aber deutlich erkennbar. Die grellen Aufmachungen waren schwarzen Jeans und Pullis gewichen.

»Ganz sicher, dass dies der richtige Weg ist? Wir sind hier mitten im Nirgendwo.«

»Entspann dich, ganz locker«, brummte Streich, der gerade mit dem Lenkrad zu kämpfen hatte. »Er hat vom Haus aus angerufen und mir alles ganz genau erklärt. Das ist ´ne verdammte Hippie-Familie. Kein Wunder, dass die hier draußen in der Pampa leben.«

»Hippies?«, wiederholte Unfug ungläubig und zeigte mit der Pfeifenspitze anklagend auf seinen Kumpel. »Hippies? Wozu dann die ganze Arbeit? Von mir aus können die ihre Traumfänger, Jesuslatschen und die Scheiß Räucherstäbchen gerne für sich behalten!«

»Das sind reiche Hippies. Die leben in einem zweistöckigen Haus mit allem Pipapo«, feixte Streich. »Da gibt es garantiert viele gute Sachen. Außerdem war der Abend ziemlich mies gelaufen, da hieß es entweder das oder gar nichts.« Er rümpfte die Nase und schenkte Unfug einen angewiderten Blick. »Hast du …«

»Sorry«, antwortete dieser verlegen.

»Drecksau«, sagte Streich und kurbelte das Fenster herunter. »Was zur Hölle hast du eigentlich gegessen?«

»Schätze, dass das Garnelensandwich heute Mittag doch nicht so ganz astrein gewesen war. Ich kann dir sagen, mein Arsch weht wie die japanische Flagge.« Unfug seufzte auf. »Wie weit noch?«

»Nicht mehr weit. Die Eltern sind erledigt und die Kleine schläft tief und fest. Uns wird also keiner belästigen. Scheiße, mach dein Fenster auf! Mir kommen schon die Tränen!«

Unfug tat ihm den Gefallen und zog an seiner Pfeife. Schaler Rauch füllte das Wageninnere.

»Heißt das, dass er sich nicht um das Mädchen gekümmert hat?«

»Weißt du, er ist kein Monster.«

»Dafür aber ein Freak. So viel weiß ich.«

Streich sah zu ihm hinüber.

»Fang nicht schon wieder damit an. Du weißt ganz genau, wie … sensibel er ist.«

»Pass auf!«

Streich erblickte die scharfe Rechtskurve noch gerade rechtzeitig. Nachdem der Wagen zu schlingern aufgehört hatte, fing er zu schmunzeln an.

»Arschloch«, wiederholte Unfug und langte nach seiner Pfeife, die zwischen seine Füße gefallen war.

Streich meisterte die knifflige Strecke und erreichte schließlich ein großes freistehendes Haus. Unfug sprang ins Freie und spuckte auf den Boden.

»Hübsch«, bemerkte er mit gedämpfter Stimme. »Womöglich lag ich ja doch falsch.«

»Hoffen wir’s.« Streich ließ den Motor verstummen und folgte ihm. »Auf geht’s. Gehen wir rein.«

Die beiden Clowns sprinteten über den Rasen. Keuchend die kühle Nachtluft einatmend, erreichten sie die Vordertür. Streich versetzte ihr einen leichten Stoß. Sie schwang nach innen auf.

»Gut«, hechelte er. »Macht die Dinge einfacher.«

»Komm schon«, sagte Unfug. »Sehen wir nach, was es da drin so alles gibt.«

Der stachelhaarige Clown trat ein. Streich war ihm dicht auf den Fersen. Er zog die Tür hinter sich zu.

»Am besten jetzt keinen Mucks«, ermahnte er Unfug. »Wir wollen doch nicht die Kleine aufwecken, oder?«

»Und weiter? Wenn sie angedackelt kommt, fesseln wir die kleine Schlampe halt.«

»Ssssh!«, zischte Streich mit erhobener Hand.

Er blickte den Flur entlang.

»Was?«

Streich legte einen Finger an seine Lippen.

»Ich dachte, ich hätte was gehört …«

Er löste seinen Finger und deutete auf eine Tür neben der Treppe.

»Da …«

Er schlich sich hinüber und umfasste den Türknauf.

»Und was soll ich jetzt machen?«, flüsterte Unfug.

»Halt dich einfach bereit«, zischte der andere Clown. »Eins …«

Unfug klemmte sich die Pfeife zwischen die Zähne.

»Zwei …«

Mit ausgestreckten Armen positionierte er sich direkt vor der Tür.

»Drei!«

Streich stieß die Tür auf und Unfug wurde gegen die Wand geworfen. Der Bär schwang sich ihm entgegen, sein Messer wild umherpeitschend.

»Aaaaargh!«, kreischte Unfug und hielt sich schützend die Hände vors Gesicht.

Die Klinge verharrte Zentimeter vor seiner Kehle.

»Du hättest mal deine dumme Fresse sehen sollen, Clownfötzchen«, erklang es tief grollend aus dem Inneren des Bären.

Streich fing zu glucksen an.

Der Teddybär richtete sich auf und streifte sich den Kopf ab. Zum Vorschein kamen ein grinsendes Gesicht und ein kahler Schädel.

»Du bist ’ne richtig verfickte Belastung, Chaos.« Unfug legte eine Hand auf seine Brust. »’ne richtig verfickte Belastung.«

»Dafür hab ich mir heute nicht in die Hosen geschissen – oder, Streich?«

Streichs Gelächter wurde lauter. »Und ich dachte schon, der hätte in den Wagen gekackt!«

Unfug erhob sich. »Nicht alles im Leben ist ein Scherz, du Gnom«, stieß er fauchend hervor.

Der Kleinwüchsige fing an, sich den Rest seines blutverschmierten Kostüms abzustreifen.

»Tolle Einstellung für ’nen Clown«, bemerkte er. »Aber vielleicht sollten wir unsere Ärsche endlich mal in Bewegung setzen. Das Gekreisch von dieser Pussy dort hat die Kleine garantiert aus dem Schlaf gerissen!«

»Halt’s Maul, Setzei«, konterte Unfug.

Mit ausgestreckten Armen sprang Streich noch gerade rechtzeitig zwischen die beiden. Sein Blick wanderte hin und her und … hinab.

»Schnauze! Wir vergeuden Zeit! Chaos – wo stecken die Eltern?«

»Die sind im Schlafzimmer. Und zwar überall.«

»Tot?«

»Toter als Scheiße.«

»Okay.« Streich kratzte sich die Stirn, hinterließ kleine Furchen in der Schminke. »Ihr beiden checkt das Erdgeschoss. Alles, was halbwegs wertvoll aussieht, landet sofort in der Karre. Ich werde nach oben gehen. Wenn die Kleine wirklich wach sein sollte, ist es besser, wenn ich mich um sie kümmere.«

»Wieso du?«, wollte Chaos wissen.

Streich präsentierte ihm seine wenigen noch verbliebenen, gelbstichigen Zähne. »Weil mich die Kinder mögen. Ist das nicht offensichtlich?«

Chaos hatte sich inzwischen vollständig des verschwitzten und versauten Kostüms entledigt. Sein Messer warf er dazu.

»Brauch ich nicht«, erklärte er. Mit zwei Händen kann ich auch doppelt so viel tragen. Dann mal los, meine Herren. Lasst uns einkaufen!«

***

Auf dem Flur rührte sich nichts, als ihn Streich erreichte. Er verharrte. Wartete auf verdächtige Laute.

Nichts.

Demnach schlief das Mädchen tief und fest. Der Clown huschte durch die nächstbeste Tür – ins Elternschlafzimmer.

Ehe sich seine Augen ans Halbdunkel gewöhnen konnten, traf ihn zuvor der vorherrschende Gestank. Das ekelerregende Kupferaroma stach in seiner Nase. Selbst auf seiner Zunge konnte er es schmecken. Er leckte sich die Lippen, umrundete das Bett und trat ans Fenster.

Er riss die Vorhänge weiter auf, damit noch mehr Mondlicht hineinströmen konnte. An der dominierenden Trostlosigkeit änderte es nichts. Dennoch traute er sich nicht, die Deckenlampe einzuschalten.

Vom Fenster sah er beiläufig zu dem Gemetzel hin, das auf dem Bett stattgefunden hatte. Chaos hatte den Oberkörper der Frau vollständig entstellt. Die zahllosen Stichwunden formten zusammen eine breiige Vertiefung.

Zwischen dem zerfetzten Nachtkleid entdeckte Streich die rechte Brust der Frau. Lose baumelte sie an ihrer Seite, lediglich gehalten von einem kleinen Hautstück. Er schüttelte den Kopf.

Die Frau war ein echter Hingucker gewesen.

Was für eine Verschwendung.

Ihre Lippen formten einen stummen Schrei und ihre Augen starrten die Decke an.

Ich könnte aber noch immer …

Er hob seine Hand und begutachtete die freigelegte Brust.

Nein … besser nicht.

Ihr Ehemann lag gleich daneben. So wie er dalag, auf der Seite und mit abgewandtem Gesicht, wirkte er geradezu friedlich. Seine Augen waren geschlossen. Als ob er tatsächlich schlafen würde. Wäre da nur nicht die klaffende Wunde an seinem Hals gewesen. Das noch immer feucht glitzernde Blut strömte aus der Leiche die Bettseite hinab und tränkte den Bodenbelag. Streich sah Chaos vor sich und wie er sich den Mann vornahm. Wie er ihm die Kehle im Schlaf aufschlitzte und dabei zusah, wie das Blut aus ihm herausgeschossen kam.

Er schluckte und wendete sich ab.

Unmittelbar neben dem Fenster standen eine Kommode und gleich daneben eine Nähmaschine und ein Nähkorb. Stofffetzen lagen verstreut am Boden. Streich zog die oberste Kommodenschublade hervor und durchwühlte sie. Die Kleidungsstücke landeten neben den Stoffresten. Er grinste, als er die Halskette entdeckte. Er hielt sie ins hereinströmende Mondlicht. Bunte Holzperlen an einem Stück Zwirn.

Er schmiss die Kette beiseite, wandte sich ab.

»Beschissener Hippiemüll!«

Eine kleine Gestalt entfernte sich von der Türöffnung.

Streich zögerte. Atmete aus. Sein Herz vollführte einen Salto rückwärts.

Sie ist wach.

Ohne die Schublade wieder zu schließen, schlich er zur Tür rüber und lugte auf den dunklen Flur hinaus.

Die klammen Handflächen wischte er sich an der Hose ab.

Die Treppe lag rechts. Wenn die Kleine diesen Weg genommen hatte, so würden sich die anderen beiden Spaßvögel um sie kümmern.

Er bog nach links ab, passierte das Badezimmer, erreichte schließlich das Zimmer des Mädchens und trat ein.

Vorherrschend war hier der mächtige Stapel aus Stofftieren in der Ecke. Einen Augenblick lang liebäugelte Streich mit der Idee, so viele wie nur möglich in den Wagen zu packen.

Der Haufen würde bestimmt für zwei Monate reichen.

Er verwarf die Idee wieder. Hier gab es noch wertvollere Sachen.

Streich schritt an den beiden Schaukelstühlen vorbei und hatte schließlich das Bett erreicht. Sein Blick war auf die reglose Form unter den Decken gerichtet. Eine blonde Strähne linste hervor.

Das muss an meiner Nervosität liegen. Sie schläft noch immer.

Er streckte die Hand aus – und zog sie wieder zurück.

Wozu aufwecken?

Er lächelte sie an.

Süße Träume. Es werden deine Allerletzten sein …

Die Aufmerksamkeit abermals vollständig auf den Job gerichtet, machte sich Streich auf den Rückweg.

Flammendheißer Schmerz loderte in seinem Knöchel auf. Brüllend stürzte er auf den Teppich. Seine Fingerspitzen erfühlten etwas Langes und Spitzes, das grob in sein Fleisch getrieben worden war. Wimmernd zog er an dem Objekt und heulte auf, als es sich endlich löste. Seine Hand zitterte, als er es sich vors Gesicht hielt.

Eine Stricknadel, glitschig von seinem Blut.

Er warf sie beiseite und stemmte sich in die Höhe.

Der Schmerz fackelte erneut auf. Wieder fand er sich am Boden liegend. Die Wunde war sich knapp oberhalb der Ferse. Ein stetiger Blutstrom quoll daraus hervor.

Streich umklammerte seinen Fußknöchel und zerrte seinen Körper quer durchs Zimmer. Tränen flossen sein Gesicht hinab und hinterließen feuchte Spuren in der ohnehin schon ramponierten Gesichtsbemalung.

An der Türschwelle kam er zum Stehen, nachdem hinter ihm, unter dem Bett, ein Geräusch erklungen war.

»Nein …«, japste er. »Nein …!«

Eine kleine Figur schälte sich aus der Schwärze, bestückt mit einer Handvoll Stricknadeln.

»Nein!«

***

»Hey Shorty!«, wisperte Unfug. »Sieh dir mal die Scheiße an!«

Chaos ließ die Schublade offen stehen und gesellte sich zu dem Clown am gegenüberliegenden Ende des Zimmers.

»Hoffentlich ist es was Gescheites«, sagte er. »Bis jetzt hab ich nur Scheißdreck gefunden. Hätte mir die ganze Messerstecherei auch sparen können.«

Sie befanden sich in einem adretten Esszimmer, das direkt ans Wohnzimmer angrenzte. In Letzterem war lediglich der Fernseher von Wert gewesen. Chaos hatte vorgeschlagen, ihn erst zum Schluss hinaus zu schaffen. Unfug blickte zu dem Gemälde auf, das direkt über dem Esstisch hing.

»Meinst du, das ist was wert?«, fragte Chaos.

Unfug zog an seiner glimmenden Pfeife.

»Entgegen aller landläufigen Meinungen bin ich leider kein Experte auf dem Gebiet der schönen Künste.«

»Was?«

»Ich weiß es nicht, Winzling.«

Chaos grollte.

Unfug ignorierte ihn. »Ich meine ja nur … wow! Wer würde so was schon bei sich aufhängen und erst recht im Esszimmer?«

Das Gebilde zeigte eine engelsgleiche Schönheit in einem langen weißen Gewand. In einer Hand hielt sie einen grünen Zweig, in der anderen einen goldenen Kelch. Ein abgetrennter Kopf schwebte über ihr. Sein herabfallendes Blut füllte das Gefäß. Die andere Frau lächelte. Ihr haarloser Schädel glitzerte im Sonnenlicht.

»Unheimlich, was?«, fragte Unfug.

»Ich mag vielleicht keinen Schimmer von Kunst haben«, entgegnete der Kleinwüchsige, »aber zumindest weiß ich, was mir gefällt.«

Über ihnen ertönte ein dumpfer Knall. Synchron blickten die beiden Männer zur Decke auf.

»Was zum Geier war das?«, fragte Chaos.

»Keine Ahnung«, bemerkte Unfug. »Irgendwie will es heute mit meinem Röntgenblick einfach nicht klappen.«

»Schluss damit, Klugscheißer! Das muss Streich gewesen sein. Hey! Vielleicht ist er ja auf einen Safe oder so gestoßen.«

Chaos stürmte nach draußen. Unfug hatte ihn rasch aufgeholt. Ihr Weg führte sie durchs Wohnzimmer, den Korridor entlang und schließlich die Treppe hinauf. Der Krach hatte das Mädchen garantiert aufgeweckt. Oben angekommen, signalisierte Chaos mit einer erhobenen Hand seinem Partner stehen zu bleiben.

»Was?«, zischte der Clown.

»Sieh mal. Da.«

Eine dunkle Spur wand sich über den hellen Belag. Sie begann vor einem Zimmer, verlief den Korridor hinab und endete vor einem weiteren Zimmer.

»Was ist das?«, wollte Unfug wissen.

»Bin mir nicht sicher.« Der Zwerg fasste den Korridor ins Auge. »Das da ist das Schlafzimmer.«

Er trat vor. »Streich?«

Gemeinsam warteten sie auf eine Antwort.

»Das gefällt mir nicht«, bemerkte Unfug wenige Sekunden später.

»Pussy«, knurrte Chaos, machte sich auf zur ersten Tür und spähte hinein.

»Ist er da drin?«, verlangte Unfug, nachdem er sich ihm angeschlossen hatte.

Sie stiegen über die Sauerei auf dem Teppich, betraten das Zimmer und fanden ihn. Vornübergebeugt kauerte er hüfttief in einer Stoffkiste. Die Spur endete unmittelbar davor.

»Er rührt sich nicht«, entfuhr es Unfug. »Warum rührt er sich nicht?«

»Hör endlich damit auf, ständig ein Weichei zu sein«, flüsterte Chaos. »Oder willst du dir heute Nacht gleich zweimal in die Hose scheißen?«

Schleichend näherte er sich Streich; brachte seine Hand nahe an dessen Schulter heran. Verharrte für einen Moment – dann packte er ihn und drehte ihn mit einer schnellen Bewegung zur Seite.

Ein aufgemaltes Clowngrinsen begrüßte ihn unter einem Augenpaar, das mit dicken schwarzen Wollfäden zugenäht worden war. Stricknadeln ragten aus der Kehle so heraus, als wäre sie ein Nadelkissen.

Chaos ließ die Leiche los und sprang zurück.

»Scheiße!«

Sein Blick konnte sich einfach nicht von dem Toten lösen. »Oh mein Gott …« Er bedeckte seinen Mund. »Wie konnte das …?«

Draußen auf dem Korridor kicherte jemand.

»Das war sie!«, rief Chaos. »Das kann nur sie gewesen sein!«

»Ein Kind?«

Chaos stürzte aus dem Schlachtfeld, in das sich das Schlafzimmer verwandelt hatte. An der Tür hielt er inne und eilte, nachdem er nichts ausgemacht hatte, weiter zum Kinderzimmer.

Unfug folgte ihm.

Chaos betrat das Zimmer. Warf die Decken beiseite; bereit, sich auf das Mädchen zu stürzen und sie mit bloßen Händen in Stücke zu reißen.

Die regungslose Puppe starrte ihn von der Matratze aus mit blauen Augen an, umrahmt von gelben Wollsträngen.

»Verdammt!«, fluchte der Zwerg. Frustriert trat er auf einen Schaukelstuhl ein. »Das ist ihre Puppe. Ihre gottverdammte, beschissene Puppe!«

»Sie ist ein Kind!«, blaffte Unfug. »Wie konnte sie das schaffen? Wie konnte sie Streich erledigen?«

Unfug machte sich auf den Rückweg.

»Wohin willst du?«

»Weg von hier«, antwortete Unfug. »Keine Ahnung, welche Scheiße hier läuft, aber Streich ist tot. Tot! Und auf keinen Fall möchte ich so enden wie … wie sie!« Er zeigte auf die Stoffpuppe. Machen wir das einzig Vernünftige!«

»Noch einen Schritt weiter und dann werde ich dich kaltmachen!«, warnte ihn Chaos. »Wir können sie nicht damit durchkommen lassen!«

»Aber sie könnte überall sein!«

»Dann finden wir sie. Und dann …«

»Das gefällt mir nicht.« Unfug blickte sich nach allen Seiten um. »Das gefällt mir kein bisschen.«

Chaos schnappte sich die Puppe und riss ihr grunzend den Kopf von den Schultern. Ein scharfes Reißen begleitete den Vorgang.

»Sie muss unten sein.« Chaos schmiss die Reste der Puppe von sich. »Komm schon.«

***

Sie schlichen sich nach unten. Nahmen sich Zeit für jeden einzelnen Schritt, für jede einzelne Stufe. Unten angekommen, deutete Unfug auf den Glasausschnitt der Haustür.

»Ich kann die Karre sehen«, flüsterte er. »Die Schlüssel stecken. Komm schon, Chaos. Es ist das einzig Richtige!«

»Denk nicht mal daran, da rauszugehen«, konterte Chaos. »Wir gehen erst, wenn die Reste dieser kleinen Schlampe im ganzen Haus verteilt sind. Und jetzt da lang.« Er wies auf den Korridor, der zum hinteren Teil des Gebäudes führte.

»Ich nehm’ mir noch mal das Esszimmer und das Wohnzimmer vor.«

Unfug packte sein Handgelenk.

»Lass mich nicht allein!«

Chaos zerrte sich frei.

»Das ist ein Kind. Sag’ bloß, dass du dich vor einem Kind fürchtest.«

»Aber Streich …«

»Streich war ein unvorsichtiger Idiot. Er hat sie eben unterschätzt. Wir auf der anderen Hand suchen aber jetzt nach ihr. Und jetzt los.«

Chaos verschwand im Wohnzimmer und schloss die Tür hinter sich. So entging er wenigstens Unfugs ständigem Gejammere.

»Schlappschwanz«, sagte er zwischen zwei Atemzügen.

Im Wohnzimmer schien alles Normal zu sein. Das schlichte Mobiliar bot nur sehr wenige Versteckmöglichkeiten. Nach einer raschen Überprüfung ging er weiter ins Esszimmer. Die Schränke waren keine schlechten Verstecke. Systematisch nahm er sich einen nach dem anderen vor, doch außer Zeitungen und Nippes fand er nichts. Ein Blick unter den Tisch – Fehlanzeige.

Verärgert wanderten seine Augen umher; auf der Suche nach etwas, das ihm womöglich entgangen war. Das Gemälde schien ihn magnetisch anzuziehen. Der Blick der gemalten Schönheit und sein eigener trafen sich.

Sie schien ihn zu beobachten; schien förmlich amüsiert über seine Bestrebungen zu sein.

Aus dem Wohnzimmer kam ein Knistern.

Chaos drehte sich zum Durchgang um und erblickte ein schwaches Leuchten.

»Was zur Hölle …?«

Er betrat den anderen Raum.

Ein statischer Schneesturm tobte in der Glotze. Ohrenbetäubender Krach drang aus den Lautsprechern.

Chaos biss die Zähne zusammen, stapfte zu dem Gerät hinüber und erstarrte.

Neben ihm, auf dem Sofa, hockten zwei Puppen Hand in Hand und sahen direkt zum Fernseher hinüber. Er kannte sie; hatte sie schon im Zimmer des Mädchens gesehen. Dass die beiden den Eltern nachempfunden waren, verstärkte das ungute Gefühl nur noch. Spinnen schienen an Chaos’ Armen und Rückgrat entlang zu krabbeln.

Er fröstelte.

Reiß dich am Riemen. Das sind nur Puppen. Wenn sie denkt, uns mit diesen kindischen Spielereien in die Flucht treiben zu können, dann nur weiter so. Das hier ist nicht »Kevin – Allein zu Haus.«

Mit bewusst kurzen Schritten kehrte er zum Fernseher zurück und schaltete ihn aus. Auf der Stelle war es wieder still und finster.

»Ich weiß, dass du dich hier irgendwo versteckt hast, du kleines Stück Scheiße«, fauchte er.

Er trat zur Tür. Seine Hand langte nach dem Knauf. Er registrierte eine Bewegung, spähte über die Schulter.

Die beiden Puppen hockten noch immer auf der Couch. Doch jetzt sahen sie ihn an.

Das gibt’s doch nicht!

Sein Augenmerk weiterhin auf die Puppen gerichtet, suchte seine Hand den Türknauf. Endlich spürte er kühles Metall. Hart drehte er den Knauf herum und riss die Tür auf.

Mit klopfendem Herzen ließ er die Puppen zurück und stürmte nach draußen.

Eine dunkle Gestalt sprang ihn aus der Finsternis an, den ausgestreckten Arm in seine Richtung schwingend.

Schreiend wich er zurück.

»Ch-Chaos …«, ertönte es krächzend.

»U-Unfug?«

Die Pfeife löste sich von den Lippen des Clowns und fiel auf den Teppich.

» …h-hilf mir …«

»Was zur Hölle ist nur los mit dir?«, gellte Chaos.

Unfugs ausgestreckter Arm klatschte gegen dessen Seite. Mit dem Rücken zur Wand brach er zusammen.

» … hilf …«

Seine andere Hand, fest gegen den Bauch gepresst, löste sich ebenfalls.

Chaos’ Unterkiefer klappte herunter.

Wasserfallartig schoss Blut aus einer Schnittwunde im Magenbereich.

»W-was ist passiert?«

Unfug verdrehte die Augen. Röchelnd rutschte er an der Wand hinab und sank in sich zusammen. Die Belastung war zu viel für seine Eingeweide. Sie zwängten sich am Stoff des Pullis vorbei und klatschten zu Boden wie feuchte Wurststränge.

»Mein Gott«, ächzte Chaos, bevor er sich den Mund zuhielt.

Ein Rinnsal Blut tröpfelte aus Unfugs Mundwinkel. Reglos kauerte an der Wand.

Chaos rannte. Weg von dem toten Clown, hin zur Haustür.

Der Bär erschien direkt vor ihm. Er stand in der Diele, das Messer emporgehoben. Die Klinge wies in seine Richtung; schien ihn förmlich anzuvisieren.

»N-N-N-Nein«, flehte Chaos zitternd.

Die schwarzen Augen des Bären betrachteten ihn.

Er machte kehrt; verschwand im Esszimmer.

»Es war Streichs Idee, ich sch-sch-schwöre …«

Der Bär verkürzte die Entfernung, das Messer weiterhin stoßbereit.

»D-die haben mich gezwungen! Weil ich doch s-so viel k-kleiner bin wie die …«

Der Bär senkte den Messerarm ein Stück. Noch immer deutete die Spitze auf Chaos’ Brust. Der andere Arm griff nach einem Ohr.

»Gezwungen haben die mich«, plärrte Chaos.

Der Kopf wurde abgestreift und beiseite geworfen. Zum Vorschein kam das Mädchen. Deutlich stachen ihre Augen aus dem blutbesudelten Gesicht hervor. Sie lächelte.

»Und nun beten wir zur Göttin«, verkündete sie gelassen in der vorherrschenden Stille des Esszimmers.

»Möge sie ihre Diener beschützen …«

Sie trat vor. Zerschnitt mit dem Messer die Luft.

»Du …«, knurrte Chaos. Seine Züge verhärteten sich, die Hände an den Seiten ballten sich zu Fäusten. »Du warst das …«

»Auf das wir ihr gutes Werk verrichten …«, fuhr das Mädchen mit trancegleicher Stimme fort, die Einwürfe ignorierend.

Die nächsten Schritte. Die Füße der Bärenverkleidung bewegten sich schleppend über den Belag.

»Ich scheiß auf das Messer, du kleine Schlampe«, tobte Chaos. »Mit meinen eigenen Händen werde ich dich erwürgen!«

»Auf das sie uns ewiges Leben gewährt …«

Chaos stürzte sich ihr entgegen, schwang seinen Arm und bekam ihr Handgelenk zu fassen. Er verdrehte und presste es nach unten. Das Messer löste sich aus ihrer Hand.

»Ha!«, gellte er triumphierend.

Den Arm weiterhin fest gepackt, zog er ihn nach hinten, während seine andere Hand ein paar goldene Locken zu fassen bekam. Er riss ihren Kopf zurück und brachte sein Gesicht nahe an das ihrige.

»Das wird ein Genuss, kleines Mädchen«, murmelte er und befeuchtete seine Lippen.

»Auf das du mich segnen mögest, meine Göttin«, vollendete das Mädchen. Ihre Blicke trafen sich. Sie lächelte wieder. »Mein Daddy hat mir dieses Gebet beigebracht – nicht wahr, Daddy?«

Von hinten griffen zwei Stoffhände nach Chaos.

***

Serenity gähnte. Das Waschbecken und die Handtücher waren hellrot, nachdem sie sich sauber geschrubbt hatte. Sie hockte sich aufs Klo. Betätigte die Spülung. Daddy mochte keine ungewollten Präsente. Zurück in ihrem Zimmer, zog sie die Decken wieder auf das Bett zurück und lehnte ihre Stoffpuppe – deren Kopf provisorisch zwischen den Schultern klemmte – gegen das nächstbeste Kissen. Schließlich legte sie sich hin und deckte sich zu.

Gähnend kuschelte sie sich gegen die weiche Matratze, in den Schlaf gewogen von dem gleichmäßigen Knarren der beiden Schaukelstühle.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.